Wörter
2.138
Perspektive
1st Person
Genre
Lifestyle Dramedy
Erscheinungsdatum
November 2021
Die Nacht ist unsere Zeit. Jessy geht voll mit, flirtet den dritten Typen an, den vierten, küsst den fünften, den sechsten. Die bunt flimmernde Deckenbeleuchtung tanzt auf ihrem weißen Tanktop wie ausgekotzte LED-Reklame. Die Nacht gehört uns. Die Nacht ist unsere Lebenslinie, erst der Morgen kappt sie, und dann versinken wir wieder im Treibsand des Tages.
Auf mich kotzt nicht das Regenbogenhappyfummelland, nope, nach dem keine Ahnung wievielten Limetten-Tequila bin ich es, die kotzt. Da ändern auch die Gurkenscheiben am Glasrand nichts. »Halt meine Haare Freddy, halt meine scheiß … «, würge ich noch hoch, dann besprenkel ich die angebräunte und vergilbte Kloschüssel mit den grünen und roten Bröckchen meines spärlichen Mageninhaltes. Das Licht auf den Toiletten ist kalt und klinisch, als würde in jeder zweiten Kabine kein Pissbecken, sondern eine Badewanne mit Eiswürfeln und ein paar Organhändlern auf ahnungslose Alk-Abstürze warten. Ich kotze mich aus, Freddy lacht, gibt mir irgendeinen dummen Spruch mit und ich frage mich in der Wolke aus beißend sauren Gestänken, warum unsere Namen heute alle fancy auf Y enden.
Freddy war früher Friedrich, und klar, gehasst hat er das schon immer. Zwischen lauter Justins und Torben Mavericks Friedrich zu heißen war ungefähr so sexy, wie der einzige graue Falten-Opa an einem FFK Strand voller knackiger Twens. Aber Jessy formerly known as Jessyka (ja, dagewesen war das Y schon immer, wtf!) und ich haben ihn nie deswegen geärgert, und wenn andere es taten, rissen wir sie am Schulranzen in die dreckigsten Matschpfützen.
»Bist du fertig, hm?«, fragt er.
»Kommt drauf an, wie du das meinst«, gurgel ich und meine Kehle brennt wie von Schleifpapier massiert. »Mit Kotzen: ja. Mit der Nacht noch nicht.« Wir glucksen vor Lachen und zwei weitere Besserwisser-Gallebrocken später stehen wir wieder an unserem Tisch vor der Tanzfläche. Die nächsten Drinks vibrieren in unseren Händen vor sich hin und wir sehen Jessy zu, um die sich eine ganze Schar von Halbmännern und Ganzjungs gesammelt hat. Enge Jeans, Muscle Shirts, ein paar Stil-Streber mit Kragenhemden und Polo-Optik, alle drängen sich um sie, jeder will mal seinen Körper an ihrem reiben, die Übereifrigen mit Schwanz voraus und die Griffel auf ihren Schultern, an ihrer Taille, auf ihrem Arsch. Aber Jessy schnappt sich die eher Zurückhaltenden, die, denen Mama morgens noch die Krümel vom Zwieback gekratzt hat. Denen fährt sie durch die Haare, aalt sich zum Beat zwischen ihre Beine und lutscht ihnen mit langen Küssen den Verstand aus, bis nur entjungferte Hüllen zurückbleiben, denen am nächsten Tag keiner glauben wird, was sie in dieser Nacht erlebt haben.
Wir sehen ihr zu, nippen an unseren Drinks, Freddy wippt den Beat mit Kinn und Fuß mit. Er hat keine Art, zu tanzen. Er hat nur eine Art, eine begrenzte Anzahl von Körperteilen rhythmisch zu bewegen, ohne zu stürzen. »Willst du noch einen, hm?«, ruft er über den Lärm der Musik und der anderen gebrüllten Unterhaltungen in unserer Nähe. Er deutet auf mein halbvolles Glas und macht die gluck gluck Geste mit seinem.
»Ja«, brülle ich nickend zurück und Freddy verschwindet in der Menge, macht sich auf den Weg zur Bar, während Jessy sich einem hübschen glattrasierten oder bartallergischen Blondbubi wie ein Fell um den Hals wickelt. Sie küsst ihn wild und ich sehe seinen aufgeblasenen Backen und dem unbeholfenen Unterkiefer an, dass er nicht mithalten kann. Und seine für ein paar Sekunden zuckenden Beine verraten, dass er kommt. Glückwunsch zum ersten Trockenfick. Jessy grinst ihn an, er glotzt zurück wie ein erschrockenes Reh und sie muss Bambi mit einem Streichler über den Oberarm versichern, dass alles ok ist. Dann tanzt sie weiter, mitten hinein in die nächste Meute. Bambi torkelt wabbelbeinig von der Tanzfläche und Jessy verwöhnt die Typen, indem sie mit den Händen über ihren feuchtgeschwitzten Körper gleitet, ihre Brüste umfasst und aus dem Top pusht. Einer fasst ihr zwischen die Schenkel, verschwindet unter ihrem Rock und sie lässt es sich gefallen, die anderen bilden einen Kreis um sie, verschließen den Blick auf das, was mit Jessy in der Mitte passiert.
»Fuck«, denke ich, oder spreche es aus, hören kann man es eh nicht. Aus den Boxen dröhnt Ron Gurney, dieser fremdschämig auf cool gedrehte Schotte mit der krampfig vertechnoten Version von Hope my Love will find You soon und mir fehlt Freddy für einen moralischen Abgleich, ob es ok ist, was Jessy da mit sich treiben lässt. Minuten vergehen und der dumme Song utz-utz-utzt und ditz-ditz-ditzt sich von einem Refrain Loop zum nächsten. Ich schütte mir den letzten Schluck Limetten-Tequila auf die taube Zunge, spüle ein paar verlorene Kotzebröckchen zusammen, neongrelle Alternative Punks und Hiphopper in Pulliballons kreuzen meinen Weg, aufgesetzte Bengel, letzte Woche noch vom elektronischen Pferdchen im Supermarkt-Eingang gekippt. Sie ziehen Schnuten und werfen mit Blicken um sich, einseitig von ihrer Augenbraue begraben, die andere Seite weit aufgerissen. Sexy-aufschneiderisch wollen sie aussehen, kommt aber rüber wie eine Mischung aus Seh- und Leseschwäche.
Muss ich mir Sorgen um Jessy machen? Tue ich längst. Mein Bauch brodelt und es ist nicht nur die restliche aufgebrachte Magensäure, die mir rund um den Nabel rebelliert. Ich würge den mit Spucke gestreckten Tequila hinunter, fühle mich so unwohl, aber auch so bereit, wie bei einem dieser ätzenden Schulsportfeste. Die fünf Sekunden Ehrgeiz, es den flinken Wieseln der Klasse beim 50-Meter-Sprint zu zeigen, bevor man beim Startsignal über seine eigenen Füße stolpert, durchströmen mich. Ich bin auf den Plätzen und fertig, fertig mich auf die Kerle zu stürzen und Jessy unter ihnen frei zu schaufeln.
Gerade will ich mich vom Tisch abstoßen und loshetzen, als über gescheitelten Undercuts und Stachelfrisuren ein langer Daumen mit pinkem Nagel auftaucht. Er wippt auf und ab, dann verschwindet er wieder und mit ihm zumindest meine größte Sorge. Die Nacht gehört uns. Und am meisten gehört sie Jessy. Sie würde eher vor der versammelten zappelnden Meute auf den Dancefloor scheißen, bevor ihr die Erinnerung an Jerry auch nur noch eine weitere unserer Nächte versaut. Jerry, wieder so ein hippes Y, Jerome hieß er eigentlich, und so nannte ihn die stelzbeinige Tuschkastenbitch, mit der er Jessy vor einem Monat ersetzt hatte. »Mach dein Ding, Girl«, denke ich mir. »Oder lass es dir machen.«
Freddy und der nächste Limetten-Tequila kehren zurück und bekommen meinen Daumen hoch, obwohl beide mich nicht so sehr befriedigen, wie es sich Jessy gönnt. Würde ich mit ihr tauschen wollen? Den keuschen Platz am Tisch tauschen gegen ihren Disco Gangbang? Nein. Ist nicht mein Ding. Und mein Ding wäre nicht das Ding der Jungs um sie herum. Ich muss lachen und Freddy macht mit, vielleicht kennt er mich gut genug, um meine Gedanken zu erraten, vielleicht lacht er einfach gerne. Er nippt an seiner Bloody Mary und winkt mich zu sich heran. Ich lehne mich über den Tisch und er pflanzt mir seinen Mund ans Ohr. »Gehen wir raus, eine rauchen, hm?«
Ich nicke eifrig, weil mir die Ron Gurney Dauerschleife die Mitesser aus den Poren quetscht und die verbrauchte Luft mir die Schleimhäute trockenlegt. Gentlemanlike nimmt Freddy mich an die Hand und lotst mich vorbei an Männerkanten und Frauenrundungen, irgendwer nutzt die Sardinenbüchsen-Atmosphäre und grapscht mich an, aber das ignoriere ich. Wir drücken uns aus dem Hauptraum und in einen engen Tunnel, dessen Wände so bunt und willkürlich bemalt sind wie ein Tattoo-Hipster. Der Gegenverkehr reißt uns fast zurück, doch das immer dumpfer werdende Wummern der musikalischen Kastration eines ohnehin beschissenen Songs sagt mir, das wir voran kommen. Dann endlich, ein Luftzug kündigt den Ausgang an. Wie Sektkorken ploppen wir aus der Disco, ducken uns unter dem ausgestreckten Arm des Türstehers weg, der dabei ist, mit Pitbulllauten und -mimik ein paar Glatzen in Bomberjacken den Einlass zu verweigern. »Ihr nich! IHR! NICH!«, kläfft er.
»Ach, aber DER darf, oder was?«, blafft einer zurück und schwenkt die Faust in Freddys Richtung. “Armes DEUTSCHland”, meint er, »Deutschland!« grölen die anderen drei stumpf.
»Der Junge is mehr Deutschland als ihr, und jetz verpisst euch«, keift der Türsteher, kommt breitschultrig und entschlossen genug rüber, um die Glatzen zu vertreiben. Ihre anschließenden Beleidigungen wischt er sich souverän vom Sakko.
Freddy hat nichts mitbekommen oder es ist ihm egal. Aber ich glaube, seine Schritte haben sich beschleunigt. Die Nachtluft trifft uns wie diese Ice Bucket Challenge vor ein paar Jahren, herrlich kalt und frisch, ich schüttel mich vor Gänsehaut und giggel vor mich hin. Freddy grinst mich an, zieht mich um die Ecke der in die Jahre gekommenen Tanzbude in eine breite Seitenstraße und wir sind allein, haben die Nacht für uns. Er holt eine zerknüllte Kippenschachtel aus der Arschtasche und ich frage mich einen Moment, warum wir uns direkt den nächsten Dreck in die Lungen pumpen, aber da hat er schon zwei Kommerzsucht/Suchtkommerz-Erzeugnisse angezündet und reicht mir eine. »Jessy lässt sich richtig gehen, hm?«
»Ja«, keuche ich nach dem ersten tiefen Zug. »Kennst sie doch. High, all the time.«
»Bist du neidisch, hm?«, neckt er mich.
»Nee«, sage ich, zucke die Schultern und merke selbst, dass ich dabei bockig wirke.
Wieder grinst er frech. »Ich könnte dir einen blasen, jetzt gleich hier oder später, hm?«
»Nee. Heute nicht. Warte noch ein halbes Jahr, dann kannst du mich fingern und lecken.«
»Näääää«, macht er und wirft die langen Arme durch die Gegend. »Darauf stehe ich nicht, weißt du doch, hm.«
»Dein Pech.« Ich nuckel übertrieben genüsslich an der Kippe rum, ohne dass es mir wirklich Genuss bereitet. »Ich kümmer mich dann auch nicht mehr um deinen.«
»DEIN Pech«, johlt er. »Aber ich werd deinen schon vermissen, hm.«
»Ich nicht. Glaubst du, Jessy kommt klar?«
»Ich nicht. Glaubst du, Jessy kommt klar?«
»Die findet schon wieder einen. Aber Jerome hätte ich ihr auch irgendwann ausgespannt, hm.«
»Laaaaaber.« Ich winke ab. »Der ging gar nicht.«
Freddy sagt nichts, mit der Kippe lässig im Mundwinkel hält er seine Hände ungefähr fünfundzwanzig, dreißig Zentimeter auseinander.
»Ja, das hat sie mir auch erzählt. Und das er nicht besonders gut damit umgehen konnte.«
»Ja, das hat sie mir auch erzählt. Und das er nicht besonders gut damit umgehen konnte.«
»Laber duuuu«, gluckst Freddy. »Das hat sie mir nicht gesagt, hm.«
»Egal«, meine ich. »Soll der sich mit seinem Gesichtsunfall vergnügen, Jessy findet einen besseren.«
»Egal«, meine ich. »Soll der sich mit seinem Gesichtsunfall vergnügen, Jessy findet einen besseren.«
Etwas daran interpretiert Freddy falsch, nimmt die Zigarette aus dem Mund und stülpt ihn über meinen, drückt seine Zunge zwischen meine Lippen und ich lasse es zu, obwohl es mir, wie jedes Mal, falsch und richtig zugleich vorkommt. Er ist ein guter Küsser, weiß, wann er sanft mit seinen vollen Lippen und wann fordernd mit der Zunge sein muss. Es macht Spaß, ihn zu küssen. Er ist keiner von diesen Sabberzombies und er schmeckt immer ein bisschen nach Zimt. Aber gleich, woran wir uns gegenseitig wie zwei lebendige Sex Toys lutschen, der Spaß daran vergeht mit einem Runterschlucken und dann ist es eben nur Freddy, der beste Freund. Den ich liebe und brauche, aber er ist nicht der, für den ich alles aufgeben würde. Er ist der, der mich auf diese Weise nicht mehr wollen wird, sobald ich bin, wer ich sein will. Scheiße, schießt mir eine Träne ins Auge? Fuck, ich will doch jetzt nicht heulen! Woher kommt das?! Ich versuche sie abzuwischen, bevor er es merkt, drücke ihn weg, beuge mich zur Seite und täusche einen Hustenanfall vor. »Sorryyyyy.«
»Alles gut, hm.« Er tätschelt meinen Rücken. »Du findest auch den Richtigen, hm.«
»Alles gut, hm.« Er tätschelt meinen Rücken. »Du findest auch den Richtigen, hm.«
»Klar«, plärre ich fröhlich und richte mich wieder auf. War das lang genug fake gehustet, um die Tränen nach Anstrengung aussehen zu lassen? Er sagt jedenfalls nichts. Steht lächelnd da und sieht so verdammt verständnisvoll aus, dass es mich nervt. Wünsche ich mir, dass er etwas sagt? Fuck, nein! Was würde er sagen, wenn ich mir jetzt eine Ohrfeige verpasse? Vielleicht geht das klar, wenn ich ihm danach auch eine lange. Dann lachen wir drüber und er kommt nicht mehr auf solche bekloppten Ideen, wie mich zu küssen. Ich leck mir über die Lippen. Sein Geschmack haftet noch daran. Ich knalle weder mir eine, noch ihm. Und hab doch das Gefühl, ich hätte es getan.
»Bitcheeeeeees, da seid ihr«, kommt Jessy um die Ecke gewankt. Ihr Jeansrock hängt sonstwo, das Makeup hat sich in sämtliche Himmelsrichtungen verteilt und ihre Haare sehen aus, als hätte sie die Tanzfläche kopfüber abgemoppt. Aber ihr dreckiges Grinsen sagt alles und ihre Augen noch mehr und ich bin scheiße erleichtert, mein Girl zu sehen. Sie kippt mir in die Arme und wir gackern wie dumme Hennen, die frisch vom Gockel gestiegen sind. »Freddy, lunger da nicht nur rum«, krakeelt sie heiser, vergraben und behütet von meiner Umarmung, und zieht ihn zu uns. Ineinander verschlungen wie bei einer Runde Steh-Twister schwelgen wir vor uns hin. Die Nacht ist unsere Zeit. Sie gehört uns. Unsere Lebenslinie. Wir lachen. Wir lachen so lange, bis wir bemerken, dass keiner von uns lacht. Bis wir bemerken, dass wir heulen. Keiner etwas sagt, aber jeder es sich wünscht. Die Nacht gehört uns. Aber zu wem gehören wir? Und würde es helfen, wenn ich uns allen eine knalle?



Diese Story ist ein neonfarbener Cocktail einer elektrisierend heißen Nacht mit deepem Ende.
„Unsere Nacht“ sollte man allein schon wegen ihrer fancy modernen Spiel- … äh Mundart und der irrwitzigen Vergleiche lesen.
Doch sie ist viel mehr, als ein energiegeladener Entertainment-Snack mit verbal-brachialer Hipster-Analyse – viel mehr als das. Sie ist das Gefühl einer Nacht und was es bedeutet, heutzutage jung zu sein. Oder schlicht wie the author himself sagt: ein „fluffiges Launenschreibserl“. 😛
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Und hier noch ein paar besonders glitzernde catchy phrases für die ADHS-Generation:
„ich frage mich in der Wolke aus beißend sauren Gestänken, warum unsere Namen heute alle fancy auf Y enden“
„wenn andere es taten, rissen wir sie am Schulranzen in die dreckigsten Matschpfützen“
„Die nächsten Drinks vibrieren in unseren Händen vor sich hin“
„aufgesetzte Bengel, letzte Woche noch vom elektronischen Pferdchen im Supermarkt-Eingang gekippt“
Awwwww, danke für diese tolle Rezi 😍😄