DAYDREAM NATION: Kritik zum kanadischen Teen-Drama mit Kat Dennings

Hinweis: die hier eingebundenen Trailer dienen ausschließlich zur visuellen Unterstützung und veranschaulichenden Ergänzung der Filmkritik. Alle Rechte liegen bei den jeweiligen Urhebern und Studios.

Die Story

Zusammen mit ihrem Vater zieht die 17jährige Caroline Wexler von der Großstadt in ein merkwürdiges Kaff. Im Industriegebiet wütet ein scheinbar unlöschbares Feuer, ein Serienkiller bringt hübsche junge Mädchen um, an Carolines neuer Schule werden Drogen wie Süßigkeiten konsumiert, die Vorurteilskultur schließt sie von Anfang an aus und Caroline beschließt, gar nicht erst dagegen anzugehen, im Gegenteil: wo sie mit ihrem üppigen Busen und den kurzen Röcken eh schon als Schlampe gilt schlüpft sie halt in diese Rolle und verführt den gutaussehenden, doppelt so alten Englischlehrer Barry Anderson. Ungefähr zeitgleich gerät sie in den Dunstkreis des depressiven Kiffers Thurston, der seit ihrer ersten Begegnung auf einer Party in Caroline verliebt ist. Sie beginnt Affären mit beiden, sexuell ausschweifend und verrucht die eine, eher alibimäßig die andere. Und wohin führt das alles, während die Jugendlichen Haushaltsmittel zu Drogencocktails panschen, der Brand sich weiter ausbreitet, der Killer wieder zuschlägt und Caroline den biographisch angehauchten Romanentwurf ihrer Lehrerliebelei liest?…

Die Kritik

Boingzack, da hat aber einer auf sich warten lassen: beim Toronto International Film Festival 2010 feierte das Debüt eines gewissen Michael Goldbach, ein Regisseur und Autor mit winzkurzem IMDb-Vermerk und ohne eigenen Wikipedia-Eintrag, seine Premiere, das Drama „Daydream Nation“. Ein Jahr später wurde der Film in den USA und Kanada limitiert veröffentlicht und 2012 vom Vancouver Film Critics Circle und bei den Leo Awards als beste Produktion aus British Columbia nominiert. Und nun dauerte es bis Ende Januar 2014, ehe „Daydream Nation“ seine Deutschlandpremiere im Bezahlfernsehen feierte und schließlich Mitte Februar auf DVD erschien, fast dreieinhalb Jahre nach seiner Uraufführung. Hat sich das Warten gelohnt? Aber sowas von! „Daydream Nation“ ist so ein typischer kleiner Indie-Schmeichler mit Split Screens und Parallelmontagen, Texteinblendungen und unchronologischer Erzählung, ohrmuschelbecircender Knuffelpopsongauswahl mit Stücken von Stars oder Emily Haines, und bevölkert von Figuren und Ereignissen mit launigem Skurriculum Vitae.


Das wäre aber noch nicht unbedingt gut. So ein „typischer kleiner Indie-Schmeichler“ lockt doch meist Liker und Hater gleichermaßen, die Formeln scheinunabhängiger Produktionen mögen sich manche immer wieder geben, andere ödet das an. „Daydream Nation“ ist dann aber doch nicht sooooo „typisch“, kein pseudolebensweises Getue und hipcooles Gelaber wie in „Happythankyoumoreplease“ und „Juno“, keine „Little Miss Sunshine“-Niedlichmoral und kein Absurdistanpanorama auf brüchig zusammengeholzten Stelzen: nee, „Daydream Nation“ ist ein Film mit der seltenen Eigenschaft, nicht Szene für Szene wie die dreiunddrölfzigste Wiederkäuung des selben Schemas zu wirken und außerhalb des »been there, done that«-Kosmos zu stehen. Das Panoptikum aus Kiffern, Losern, Stonern, Depries, einem Serienkiller und Kat Dennings kommt nicht mit der neuesten Geschichte daher, löst sich in den Methoden seiner Erzählung aber in eine ganz eigene Sphäre, eine träumerische Stimmung. Der Titel entstammt nicht bloß einem Sonic Youth-Album, er passt auch perfekt zum Feel des Films: eine kleine, kaffkomprimierte Nation der Weggetretenen, der Tagträumer.


Ebenso schafft die Erzählperspektive der Dennings in Caroline eine wunderbar losgelöste, unkonkrete Heldin der Lebensweltbeschreibung einer zynischen 17jährigen, deren Blick sich die Zugewandtheit auf vermeintliche Unwichtigkeiten erlaubt, durch ihre Sicht springt „Daydream Nation“ durch Kontinuitäten und eben vorbei an Mustergültigkeiten. Harte Schicksalsschläge? Können auch mal nur kurz erwähnt werden, müssen aber nicht stattfinden. Und ständig fliegen Wurfgeschosse. Die blonde Musterschülerin, von der Caroline erzählt, die sich nachts ein Zubrot als Stripperin verdient, wird in der Schule mit heißen Pennys beworfen. Steine bollern gegen Autos, schlagen durch Fensterscheiben ein. Angst. Die Industrie brennt ab. Ein Killer geht um, es herrschen Ausgangssperren und Straßenschilder geben den wichtigen Hinweis, sich nur zu zweit auf den Weg zu machen. Traumata. Immer sind es Kinder, die auf die zurückgelassenen und schlimm zugerichteten Mordopfer des Killers treffen. Unschuld geht verloren. Angst vor Schuld, Zurückweisung, einer schlecht sitzenden Frisur. Und wie stellt man sich eigentlich den Weltuntergang vor…


„Daydream Nation“ reißt viel mehr an, als er sich aufzulösen verpflichtet fühlt, nur hinter die wichtigsten Dinge wird einer statt drei Punkten gesetzt. Dazwischen wird’s sinnlich, keck, humorvoll, frech, surreal,… Handlungsstränge verirren sich hierhin und dorthin, Drama und Thriller und Teenie-Romanze springen sich gegenseitig ins Geäste und heraus kommt ein kleines unprätentiöses Kunstgriffchen und –stückchen, das nichts zu sein vorgibt und ganz schön viel bietet. Eine der besten Leistungen in der Karriere des Josh Lucas, der als smarter Lehrer eine überzeugende Wandlung zum psychotischen Wrack hinlegt. Eine Kat Dennings, die zwischen bewusst eingesetzter Verruchtheit und einer Verletzlichkeit, die nicht zum Triebwerk plumpen coming of age-Tamtams aufgeplustert wird, viel besser aufgehoben ist, als in der doofen Sitcom „2 Broke Girls“. Feine Mucke. Tolle Kamera. Und ganz viel mehr. Aber genug geschwafelt. „Daydream Nation“ ist auch ein Film zum selber entdecken…

Wertung & Fazit

Action
0%

Kein Kriterium.

Spannung
30%

Thriller-Motive werden eigenwillig eingewoben, ohne billige Spannungsmomente herauf zu beschwören. Eine träumerische Atmosphäre.

Anspruch
70%

Feinfühlig, seltsam, ohne falsche Sentimentalitäten und Moralkeulen.

Humor
40%

Humorvolle Momente und jederzeit unterhaltsam.

Darsteller
90%
Schöne Leistungen, durch alle Bänke des namenlosen seltsamen Kaffs.
Regie
90%

Wie „Juno“ von David Lynch, wie „Donnie Darko“ in humorvoller – solchen Vergleichen muss sich der Film aussetzen und das ist alles Käse. „Daydream Nation“ von Michael Goldbach, fertig. Und klasse so.

Film
90%
Toller Film. Teenie-Drama, Killer-Thriller und alles so, wie man das nicht in jedem zweiten Genreableger standartmäßig serviert bekommt. Eigentümlich, mit wunderbar entrückter Atmosphäre und starken Darstellern von Kat Dennings über Josh Lucas bis Andie MacDowell.
 

(Diese Kritik wurde ursprünglich am 26.02.2014 veröffentlicht)

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