Earth Dark Ashes Kurzgeschichte Cover

Wörter

6.592

Perspektive

3rd Person

Genre

Military-SciFi-Action

Erscheinungsdatum

~2017

Hinweis: Bei dieser Story handelt es sich um einen Auszug aus einer größeren, unvollendeten Geschichte. Kann aber ohne weiteres für sich allein stehend gelesen werden.

Dürres Grasland säumte die zweispurige Nationalstraße zu beiden Seiten und der Konvoi wälzte sich darüber wie ein Fluss aus Teer. Die Reifen der tonnenschweren SAMIL Trucks, die das Zentrum des Trosses bildeten und allein über einen halben Kilometer an Strecke einnahmen, knirschten auf dem Asphalt. Auch über die unwegsameren Geländeabschnitte beförderten die robusten Schwerlasttransporter Mensch und Fracht mit stoischer Zuverlässigkeit. Neben den rund dreitausend Soldaten, die auf den Ladeflächen Platz fanden, begleitete das doppelte Aufkommen einer leichten Infanterie ihren Weg, deren Schritte vielspurige Rillen in den Boden drückten. Schnallen und Verschlüsse an Rucksäcken und Westen sorgten für ein ständiges, fast melodiöses Klappen und Klicken, dem gleichmäßigen Summen eines Insektenschwarms ähnlich. Das feuchtwarme Klima Namibias war einer trockenen Kühle gewichen, und obwohl die Infanteristen nicht schwer beladen und ihre Schritte nicht eilig waren, lag der Geruch von Schweiß und Übergärung dicht in der Luft.

Flynn Hardy rümpfte die Nase. Legte den Kopf schief, bis das Rauschen in seinem linken Ohr den permanenten Geräuschpegel fast übertönte. Seine Sinne waren überreizt. Der Geruch, der Krach, das Gewimmel, ein Kratzen an jedem Nerv, als wirbelte ein hyperaktiver Beutelteufel über die Schalttafel seiner Sinne. Im vorderen Drittel des Zuges marschierte er vorwärts, vorwärts und immer weiter vorwärts und sein Nebenmann hätte ihm vermutlich einen irren Blick attestiert, glotzte seinerseits jedoch nur stumpf voraus.

Eine Wolke aus Dreck schoss seitlich an ihnen vorbei. Kleinere, wendigere Mehrzweck und Gefechtsfahrzeuge mit Geschütztürmen umschlossen die Karawane gemeinsam mit Jeeps und Schützenpanzern, und sie wirbelten Staubfahnen und Grasbüschel auf, wenn die Fahrer über kurze Abschnitte die Motoren aufjaulen ließen und ihr Tempo verschärften. Prunkstück der Kolonne, hatte man ihnen gesagt und Flynn hatte keinen geringeren Eindruck gewonnen, waren die neun Marauder SUVGiganten. Die schwer gepanzerten und minensicheren Zehntonner galten als unzerstörbar; aufgerüstet mit 20MillimeterGeschützten flankierten die Stahlkolosse den Truppenmarsch wie Alphatiere ihre Herde. Einen natürlichen, einen irdischen Feind gab es für die Marauder nicht. Aber gegen einen solchen zogen sie auch nicht ins Gefecht …

Die Soldatinnen und Soldaten stammten aus zig Ländern, verteilt über fünf Kontinente, unterschiedlichste Religionen und Einflüsse prägten ihre Herkunft, gleichwohl zogen sie in einen gemeinsamen Krieg. Der schwerfällige Zug durch die entvölkerten namibischen Steppen und Savannen hätte wohl in allen Zeiten der Menschheitsgeschichte einen beeindruckenden Anblick geboten, sogar, wenn man die Umstände seiner Besetzung außer Acht ließ. Aber eben nicht in dieser Zeit. Flynn nahm den Kopf wieder nach oben, tat es seinem Nebenmann gleich, starrte an all dem Aufgebot vorbei, den Blick auf sein eigenes düsteres Glimmen der Entschlossenheit gerichtet. Noch weit entfernt im Süden. Dort, wo der einzige Mensch war, der in dieser Zeit der Menschheit zählte. Die Sonne schien nicht, doch wann hatte sie das jemals getan? Mit ihr, dachte Flynn. Immer nur mit ihr …

Unter den unnatürlichen, ineinander verkeilten Wolkengiganten aus Nimbostrati und Cumulonimbussen, die seit der Offensive der Aliens den Himmel in ein düsteres bis tiefschwarzes, geometrisches Schauspiel aus sich über und ineinanderwälzenden Grafitwirbeln verwandelten, wirkte der Konvoi winzig und verloren wie eine Ameisenwanderung. Was sollte man ihn noch nach Menschenmaßstäben betrachten, dachte Flynn. Die galten nicht mehr. Wo sich für gewöhnlich eine nahezu unberührte Weite erstreckte stießen die Scheinwerfer der Fahrzeuge nun schon nach wenigen Metern auf undurchdringliche Dunkelheit, als bewegten sie sich durch das Innere eines Trichters. Das Zwielicht aus grauen und pechfinsteren Kontrastschlingen und bis an die Mesosphäre aufragenden AsperatusNebeln schluckte alle Farben; das Bronzegrün der Trucks und Marauder, die beigen Tarnlackierungen der Panzer und Jeeps, die Stoffe von Uniformen, die satten Erdtöne der Landschaft. Wenn einer der Wagen an den Flanken nach vorne oder zur Seite ausscherte, um die Umgebung weitläufiger zu kontrollieren, verschlang ihn die Dunkelheit nach siebzig, achtzig Metern vollständig, bis zwei oder mehrere eingetrübte Lichtschatten sich in Richtung des Konvois zurückwandten. Wie verängstigte Kinder huschten sie wieder unter die Decke, die vor den Monstern da draußen keinen Schutz versprach.

Zumindest den Einheimischen hätte das bekannte Gefühl des Bodens unter ihren Füßen Vertrautheit vermitteln können, doch Flynn wusste, auch sie spürten in dieser bizarren Anderswelt nur Fremde und Angst. Die Gesichter der Männer und Frauen waren ausdruckslos, ihre Körper niedergedrückt, sie wirkten so vergänglich wie Aschestatuen in einem Sturm. Ob sie aus organisierten Militärstrukturen oder militanten Gruppen stammten, bezahlte Söldner oder rebellischen Bewegungen entsprungen waren, dem Staatsapparat angehörten oder zum ersten Mal eine Waffe hielten, sie alle wussten nur zu gut: Sie saßen nicht auf dem Präsentierteller, sondern waren ein komplett angerichtetes Buffet, aufgestellt auf einem Tisch mit dem Radius eines Dorfes.

»Die sind dort oben. Genau über uns«, sagte einer der amerikanischen Soldaten und rückte sein Bandana ein Stück über den Haaransatz.

»Halt‘s Maul, Billy«, sagte ein anderer schlaff. Ihre Stimmen klangen dumpf, als würden sie Tücher vor den Mündern tragen. »Wenn wir eins hier nicht brauchen können, dann sind das deine verdammten VoodooProphezeiungen.«

»Das ist kein Voodoo, Poncho«, entgegnete Billy ruhig. »Das ist Klarheit.«

»Was für Klarheit?«

»Das wir hier draußen alle sterben.«

»Jetzt hör schon auf mit dem Scheiß, Mann. Du machst mir mehr Angst als diese verdammte Wüste.«

Flynn ging hinter den beiden Vertrauten, die ständig im Clinch miteinander zu liegen schienen. Aus ihrem Gespräch hielt er sich raus. Wie er sich aus allem rausgehalten hatte, seit er aus Australien abgeflogen war. Er hatte zugehört, Befehle befolgt, war aufmerksam geblieben, auch wenn andere die Konzentration hatten sinken lassen – aber vor allem anderen war er unauffällig geblieben. Es war nicht die Zeit für Initiative. Er trug ihre Uniformen nicht, er beteiligte sich nicht an ihren Ritualen und er wusste, dass die Soldaten, mit denen er längere Zeit verbracht hatte, ihm dumme Spitznamen gegeben hatten. Hinkeroo Jack, oder Handicap Dundee. Aber sie wussten, dass sie sich auf ihn verlassen konnten, dass er Schritt hielt und keine Sonderbehandlung brauchte, und mehr mussten sie nicht wissen.

Inmitten der Hundert und Tausendschaften, mit denen er zuerst in Europa festgesessen hatte und nun die namibische Wüste Richtung Südafrika durchwanderte, ging Flynn Hardy unter. Sollte der Krieg gegen die Aliens enden und noch etwas von der Menschheit übrigbleiben, würde sein Name nicht auf Gedenktafeln und in Geschichtsbüchern auftauchen und genau so wollte er es.

Billy und Poncho hatten ihre Diskussion beendet und es herrschte wieder die gleiche monotone Kulisse aus brummenden Motoren und klimpernden Ausrüstungsteilen, die ihren Weg seit Keetmanshoop untermalte. Trotz der unruhigen Bewegungen der Wolken, die sich in ihrer Masse wie aufgebrachte Kontinentalplatten verschoben, stand die Luft um sie herum vollkommen still. Der Mundgeruch der beiden Soldaten hatte eine säuerliche Note hinterlassen, die sich nur langsam auflöste, als Flynn hinter ihnen aufschloss. Eine schwarze Drop Leg HolsterPlattform stützte mit jeweils zwei Riemen um Gürtel und Oberschenkel befestigt sein rechtes Bein von oberhalb des Knies bis an den Hüftkopf, die Glock und drei Magazine steckten in den CQC-Taschen. Der feste Polymer-Kunststoff der Plattform hielt seine Adduktorenmuskulatur vom Erschlaffen ab und so hatte Flynn abgelehnt, als man ihm einen Platz auf den Trucks angeboten hatte. Der Konvoi würde bald eine Pause einlegen, die Plätze auf den Ladeflächen würden neu verteilt werden und vielleicht würde er sich dann die Erholung gönnen …

Nein, wirst du nicht, fuhr er sich an, und aus dem Boden, den hunderte Stiefelpaare vor ihm festgetreten hatten, stob ein Staubschleier empor, als er das Bein, das ihn seit Jahren quälte, besonders hart aufsetzte. Sofort meldete sich das Zerren entlang des Narbengewebes und der Knochen hätte sich nicht unangenehmer anfühlen können, wäre er von Holzfällern bearbeitet worden. Manchmal tat der Schmerz gut, wenn alles andere ihn einlud, einfach nachzulassen. Seit sie von Keetmanshoop südlich auf die B1 abgebogen waren bellte niemand mehr Kommandos, die Wetterphänomene verschleierten zwar die Aussicht auf ihr Ziel, der Weg dorthin aber war über hunderte Kilometer vorgezeichnet. Wie drohend und der Realität entrückt sich die Umgebung auch gestaltete wusste Flynn doch, dass der eintönige Marsch Geist und Sinne mehr als den Körper auslaugte, sie mürbe und langsam zu machen drohte. Aber sie mussten bereit sein, denn keiner wäre so töricht gewesen, dem ahnungsvollen Billy nicht zuzustimmen. Die waren dort oben. Und die Frage war nur, ob sie sie ziehen ließen.

Der Konvoi schleppte sich einen weiteren Kilometer vorwärts, bis sich ein Tross aus Jeeps und drei der Marauder an die Spitze setzten und ihn ausbremsten. Die Beifahrer der Trucks hoben nacheinander den rechten Arm mit in die Höhe gereckter Faust aus den Fenstern und gaben den Hintermännern das Signal zum Stopp. Es dauerte über drei Minuten, bis der gesamte Zug aus Menschen und Maschinenkraft zum Stillstand gekommen war. Einige der Fußsoldaten setzten sich in den Staub, andere schüttelten die Gelenke oder dehnten Verspannungen aus den Muskeln. Stumm wurden ein paar Kippen und Feuerzeuge rumgereicht. Flynn lehnte ab, als Poncho eine ramponierte Schachtel in seine Richtung hielt. Ein paar der Zigaretten waren am Filter abgeknickt und der Tabak quoll heraus. Der schmallippige Chicano grinste ihn an. »Sogar jetzt noch um die Gesundheit besorgt, Ozzie?«

Flynn spendierte ihm den Anflug eines Lächelns.

Aus den gleichmäßig über den Korso verteilten Vorratstrucks wurden Wasserflaschen und kanister entladen und einige ranghöhere Soldaten überwachten die Verteilung. Obwohl ihre Abzeichen im Grunde keine Bedeutung mehr hatten brach unter den Männern und Frauen an keiner Stelle Streit um die knappen Vorräte aus, nach höchstens zwei kräftigen Schlücken wurden die Flaschen weitergereicht und verstreuten sich über das Feld.

Dann schwoll aus dem Norden ein Dröhnen an.

Poncho steckte die Zigarettenschachtel weg und seine Hand schloss sich um den Griff der MP5, die an einem Gurt von seiner Schulter baumelte. Sein Zeigefinger lag um den Abzug, als er es dem gesamten Konvoi gleichtat und sich in die Richtung des Geräusches wandte.

Auch Flynn sah zum Himmel auf. Die tiefhängenden Wolken und Nebel verbargen jedes optische Zeichen vom Ursprung des Dröhnens, die bauchigen und elliptischen Formationen wanden sich in Schatten und Dunkelheit, schienen ein sadistisches Spiel der Verborgenheit mit ihnen zu treiben. Niemand regte sich. Niemand rief einen Befehl, niemand forderte die Soldaten zu umgehender Gefechtsbereitschaft auf. Das bloße Geräusch, eindeutig anschwellend und sich ihrer Position nähernd, verarbeitete den Trupp zu einem Stillleben.

»Madre de Dios …« flüsterte Poncho und hob die Maschinenpistole um wenige Zentimeter. Er wollte anlegen, er wollte zielen, aber worauf und was würde es überhaupt bringen?

Flynn stellte sich dieselbe Frage, als er den Verschluss des Holsters an seinem Bein löste und nach der Glock griff. Aber er umfasste die Waffe so fest, dass seine Finger schmerzten. Er war entschlossen, egal was da kam, für ihn würde es hier nicht enden …

Das Dröhnen nahm zu, visueller Kontakt blieb aus. Bis ein roter Schimmer knapp unter der Wolkendecke auftauchte und sich eine längliche Kontur abzuzeichnen begann. Und Tragflächen.

»Da!«, durchbrach jemand die Stille. »Das sind unsere! Unsere Jungs!« »Our boys!« »Nuestros chicos!« »Ons seuns!«

Es war eines der Frachtflugzeuge. Das erste von vielen, das sie nach der Verladung von schwerem Gerät aus Keetmanshoop einholte. Mit einer Spannweite von über fünfzig Metern donnerte es wie ein riesiger Vogel der Hoffnung heran.

Die Soldaten am Boden begannen zu jubeln, hoben ihre Waffen als Gruß an die Piloten in die Höhe, als die Maschine sie mit ihrem glatten Rumpf überflog und das rote Positionslicht den Konvoi für Sekunden in den Anschein von Wärme und Zuversicht hüllte.

Das Flugzeug ließ den Konvoi hinter sich, ein Dröhnen im Norden kündigte bereits die nächste Frachtmaschine an. Aus der Anspannung und den euphorischen Ausschlägen der Soldaten am Boden wurde eine allumfassende Erleichterung. Es wurde aufgelacht, mit Wasserflaschen angestoßen, Poncho bekreuzigte sich und rüttelte an Billys Schultern, der dem stahlgrauen Vogel mit verengten Augen nachsah. Das Flugzeug begann bereits, in der Ferne wieder zu verwischen. »Noch sind

wir nicht dran, Kumpel«, sagte Poncho aufgekratzt. »Hab ich‘s dir nicht …«

Ein monströses metallisches Kreischen schnitt seine Worte ab. Mit einer erbarmungslosen Wucht traf ein orangener Plasmastrahl auf das Flugzeug. Der gebündelte Kern und die gezackten Energieströme, die sich aggressiv und unkontrolliert an seinen Rändern bildeten, durchschossen den Bug und traten unter den Hecktriebwerken wieder aus. Eine gewaltige Explosion zerriss die Frachtmaschine und fassungslos starrten die Soldaten in den Himmel. Die Windströmungen nahmen Feuerbälle und brennende Trümmerteile auf, eine Reihe von Folgeexplosionen ließ weitere Feuerzungen vorzucken und die südliche Wolkenwand stand in Flammen.

»Auseinandaaaaaaaaaa«, rief einer der Kommandanten am vorderen Ende des Zuges, als er einen Debrishagel seinen Scheitelpunkt überschreiten und sich über die Wüste und in Richtung des Konvois ergießen sah. Handtellergroße Splitter und größere Trümmerteile schlugen zischend und knallend in die voranstehenden Fahrzeuge und Körper ein und die Reihen der Soldaten lichteten sich, als sie wegzurennen begannen oder von den Einschlägen umgerissen wurden. Schmerzensschreie, Flüche und Befehle ertönten, die Kommandanten versuchten, irgendwie die Ordnung zu halten und Abwehrlinien zu formieren. Doch die Soldaten waren kein aufeinander abgestimmtes Heer, es hatte selbst für das theoretische Studium gruppentaktischer Routinen weder Zeit noch Gelegenheit gegeben.

Die Fahrer der Panzer, Jeeps und Trucks reagierten mit Geistesgegenwart und stellten die Fahrzeuge quer, sofern es die Wendekreise zuließen, um eine breitere Deckungsfläche zu bieten. Doch während sich die routinierteren Soldaten verschanzten, blieben viele auf offenem Feld stehen und eröffneten sinnlos das Feuer, hielten in die Richtung, aus der der Plasmastrahl hervorgebrochen war.

Der Trümmerhagel verendete. Das zweite Frachtflugzeug hatte abgedreht, sobald die Piloten begriffen hatten und in der Lage waren, auf das zu reagieren, was vor ihnen geschehen war. Ein weiterer Plasmastrahl hatte sie um zwei Meter verfehlt, aber die Maschine war von der exzentrischen Energie durchgerüttelt worden. Sie drehte einen weiten Bogen über dem Konvoi, die Tragflächen fast senkrecht abgeklappt, als der nächste Angriff schließlich doch einschlug. Der Strahl brach durch den Rumpf und teilte das Flugzeug der Länge nach in zwei Hälften. Funken und flammensprühend wurden die Teile aus ihren Flugbahnen gerissen, gerieten ins Trudeln, die Tragflächen brachen und schleuderten davon, die Trümmer rollten über Längs und Querachse und mit ohrenbetäubendem Krachen schlugen sie in weitem Abstand im Osten des Konvois ein, Explosionen und Feuerkegel erhellten die Wüste.

Die Soldaten drückten sich an die Fahrzeuge, hielten ihre Waffen eng am Körper, die brennenden Wrackteile ließen die Schweißschicht auf ihren Gesichtern golden funkeln, erhöhte Pulsschläge und Herzrhythmen hämmerten wie Trommeln, während andere weiter unbeirrt Salven in den Himmel jagten oder versuchten, die Verletzten zu den Trucks zu ziehen und nicht in den Beschuss der eigenen Verbündeten zu geraten. Mehr als zweihundert Soldaten waren nach dem Trümmerhagel liegengeblieben, den vorderen Wagen hatte es Motorhauben und Frontscheiben durchschlagen, den Trucks die Planen über den Ladeflächen zersiebt, Ausrüstung und Fleisch zerstört.

Flynn war Billy und Poncho in die Deckung eines Jeeps hinterhergehetzt und hatte sich neben sie auf den Boden geworfen. Poncho lehnte an einem breiten Hinterreifen, bekreuzigte sich unablässig, und in der vagen Hoffnung, dass sie die Wolkendecke durchbrechen würden, schickte er Stoßgebete in den Himmel. Billy hingegen strahlte eine tief verwurzelte Ruhe aus, hielt seine M16 mit gelassener Sicherheit und wartete. Auf eine Gelegenheit, die Waffe einzusetzen oder auf den Tod, Flynn wusste es nicht. Er selbst kauerte mit der Glock im Anschlag am Vorderreifen des Jeeps, den Absturzstellen des zweiten Flugzeugs zugewandt. Er sah über die Motorhaube und überblickte die Lage.

Die Panzer richteten ihre Geschütztürme südwärts aus, hektisch wurden weitere Gefechtspositionen auf den Fahrzeugen bemannt, schwere Bewaffnung von den Trucks entladen und angelegt; Flynn sah Soldaten mit Raketenwerfern an die Spitze des Zuges eilen, die 20MillimeterKanonen auf den Maraudern wurden besetzt. Die PanzerSUVs hatten selbst an vorderster Front den Trümmerhagel nahezu schadlos überstanden und ihre Besatzung geschützt.

»Bleibt unten! Unten bleiben!«, brüllten die Befehlshaber den Infanteristen zu und ordneten mehrere Männer an, um den Blindbeschuss endlich zu unterbinden. Es gelang kaum.

Flynn sah nach oben, dorthin, wo das erste Flugzeug explodiert war. Rauchschwaden hatten eine zusätzliche Schicht vor der undurchdringlichen Wolkenphalanx gespannt und es war unmöglich zu sagen, was dahinter sein nächstes Manöver abwog. Die Aliens hatten mit verschiedensten mobilen und stationären Schlachtvehikeln zugeschlagen, dort oben konnte eine ganze Armada am Himmel hängen oder nur ein einziger riesiger Zerstörer, oder sie waren blind vor die Tore einer ihrer Basen gelaufen.

Flynn fragte sich, ob die Aliens zurückblickten. Ob es amüsant für sie war, ihre nutzlosen Bemühungen zu beobachten. Ob sie Vergnügen empfanden, wenn sie ihre eigenen Waffen abfeuerten. Oder Genugtuung. Oder ob da bloß kalte Automatismen abliefen.

Die Kanoniere und Bedienmannschaften waren bereit, aber unternahmen nichts, warteten auf Befehle und mehr noch auf ein Ziel. Einen Moment, der sich in die Ewigkeit ausdehnte, geschah gar nichts …

… dann schrillte ein trommelfelldurchbohrender Summton auf und ein glühendorangenes Lasergitternetz legte sich über den gesamten Konvoi …

… »Scheiße …«, hörte Flynn Poncho flüstern …

… und alles endete endgültig …

»Weg von den Waffen, runterrunterrunter, weg von den Waffen, werft die Waffen weg!«, wurde von überall her in zig Sprachen gebrüllt, die alle das blanke Entsetzen in ihren Stimmen gemeinsam hatten. Die schlimmste Befürchtung hatte sich bewahrheitet, sie waren an etwas geraten, dass die Menschen Disarmer getauft hatten, eines der entscheidenden Kriegsinstrumente der Aliens …

… Die Soldaten versuchten noch, dem Einzugsbereich des Rasters zu entkommen, als der Scan begann …

… und die Hölle losbrach, als er abgeschlossen war …

Die gefürchteten orangenen Lichtpunkte setzten sich an sämtlichen Waffen fest, die der Scan erfasst hatte. Einige versuchten, sie mit so hastigem wie nutzlosen Rubbeln von ihren Gewehren und Pistolen abzulösen. Wer bei sich genug war, schleuderte seine Waffe weg, doch viele taten dies so blindlings, dass sie Kameraden trafen oder sie in deren Nähe landeten.

Flynn, Poncho, Billy und zwei weiteren Soldaten war es gelungen, sich rechtzeitig unter den Jeep zu rollen. Der Gestank von Benzin und Abnutzung und die Motorenhitze hatte sich über sie gebettet. Überall auf dem Feld versuchten andere, es ihnen gleich zu tun, doch nicht jeder konnte dem Scan entgehen und es brachen unzählige Szenen panischer Versuche aus, Soldaten mit Leuchtpunkten an Gewehren oder Granaten wieder unter den Fahrzeugen wegzubekommen. Und nicht alle hatten daran gedacht, dass die Fahrzeuge zum Großteil selbst mit Munition und Waffen bestückt und beladen waren …

»Die Ladefläche war leer, ja?«, rief Poncho und tippte mit dem Lauf seiner MG gegen den Boden des Jeeps.

Billy musste nicht antworten. Tausende von Partikelsprengungen übernahmen es für ihn. Überall zerfetzten Stahl, Chrom, Nickel und Silicium, überall stiegen die Explosionspilze detonierender Granaten und Geschütze auf, überall waren Schreie, Verstümmlung und Tod. Fahrzeuge wurden auf die Seite oder ein Stück in die Höhe geschleudert, als die Schutzsuchenden unter ihnen zu Minen wurden, Menschen flogen durch die Luft und landeten an mehr als einer Stelle. Panzer, von einem Teppich aus orangen Lichtern bedeckt, zersprangen wie Eierschalen.

Der Jeep über Flynn und den anderen hatte die Attacke weitestgehend schadlos überstanden, der größte Teil des Konvois aber war durch den einen verheerenden Schlag komplett lahmgelegt. Das letzte, über vierzehntausend Mann starke Heer der Erde, war in Sekunden auf höchstens noch dreitausend Soldaten dezimiert worden. Ihre Zusammenkunft und der Zug durch die Wüste waren so sinnlos gewesen, wie ein in die Höhe gehaltener Daumen, bevor der Arm brutal gebrochen wurde, an dem er hing.

»Wir müssen hier weg«, sagte Billy und wahrte seine erstaunliche Ruhe.

Er, Flynn und die anderen wussten aus Briefings und Zeugenberichten, dass die Aliens den DisarmerAngriff nicht beliebig oft durchführen konnten, aber sie wussten ebenso, dass er lediglich einen Erstschlag darstellte. Und das, was ihm folgte, hatten die wenigen Überlebenden stets als noch schlimmer beschrieben …

Flynn robbte zwischen den Vorderreifen unter dem Jeep hervor, Billy und Poncho rollten sich an den Seiten des Wagens auf das Feld zurück. Sie waren in alle Richtungen von Feuer, Rauch und Leichen umgeben, Fremde und Kameraden. Doch für Trauer bleib keine Zeit. Um sie herum herrschte ein Chaos aus Schreien, Rückzugs und Fluchtversuchen, die wenigen unversehrten Fahrzeuge wurden von Soldaten bestürmt, die sich gegenseitig Gewehrkolben ins Gesicht rammten, um einen Platz zu erbeuten. Der behelfsmäßige Zusammenschluss, der bis zu diesem Punkt trotz seiner vielen Barrieren überraschend reibungslos gehalten hatte, zerbrach in seine Einzelteile.

»In den Jeep?«, schlug Poncho unsicher vor. »Wir könnten uns aus dem Staub machen, zurück in die Stadt, zum Flughafen. Die haben noch nicht alle Maschinen aus der Luft geholt.«

»Und wohin willst du fliegen?«, raunte Flynn. Poncho sah ihn unverwandt an, als hätte er einen der Außerirdischen vor sich. Doch er sah ein, dass Flynn Recht hatte. Der deutete, die Glock in der Hand, Richtung Süden. »Das muss unser Weg bleiben. Und es muss schnell gehen. Unter denen weg und zusehen, dass wir es nach Südafrika schaffen.«

»Du bist verrückt«, maulte Poncho, aber nickte dabei.

»Ich fahre«, sagte Flynn und bremste den eigentlichen Fahrer des Jeeps aus, der sich mit ihnen unter den Wagen gerettet hatte und gerade zurück auf seinen Platz wollte.

»Aber … das ist nicht gestattet«, stammelte der uniformierte Mann.

Flynn ließ ihn stehen, steckte die Glock ins Holster und setzte sich hinter das Steuer, der Fahrer gab seinen Protest schnell auf und sprang mit Poncho und dem anderen Soldaten auf die offene Ladefläche. Mit angelegter M16 besetzte Billy die Beifahrerseite. »Macht dein Bein das mit?«, fragte er.

»Wird‘s schon«, antwortete Flynn und startete den Jeep, der nach einem kurzen Stottern des Motors losschoss. Flynn umkurvte die Brandherde aus Panik und Zerstörung gekonnt, versuchte möglichst weitläufig auszuweichen, wenn einzelne Soldaten oder ganze Gruppen dazu ansetzten, auf sie zuzurennen, und hielt den Wagen indes südlich ausgerichtet. Jede Leiche zu Umfahren gelang ihm hingegen nicht. Unter den breiten Rädern des Jeeps und bei dem Tempo nahmen sie es lediglich als ein leichtes Rumpeln wahr, aber es ging an keinem von ihnen spurlos vorbei.

»Das ist nicht richtig«, rief Poncho von hinten. »Das ist alles nicht richtig.«

»Wir haben keine Wahl«, rief Billy zurück, doch auch seine sonst wie gemeißelten Züge bröckelten.

Flynn hörte sie nicht. Kaum, dass er einmal gezwinkert hätte, waren sein Blick und alle Konzentration stur nach vorne gerichtet. Er bemerkte den Schmerz nicht, der jedes Mal durch sein Bein schoss, wenn sich ihm die Gelegenheit bot, das Gaspedal bis zum Boden durchzutreten. Oft war dies allerdings nicht der Fall und er war vielmehr damit beschäftigt, den Jeep mit schnellen Rucklern des Lenkrads Haken schlagen zu lassen. Im Augenwinkel bemerkte er, wie sich vereinzelt weitere Fahrzeuge in planlos eingeschlagene Richtungen flüchteten. Keines schloss sich ihrem Weg an. Flynn beschleunigte an mehreren Panzern vorbei, die mit aufgesprengten Gleisketten dalagen. Aus ihren Kuppeln züngelten Flammen, die abgewinkelten und aufgeplatzten Rohrkanonen erinnerten Flynn an Ponchos Zigaretten. Dahinter steuerten sie durch eine Schneise auf freies Feld zu, gespickt von den Überresten des ersten Flugzeugs. Flynn wich den größeren Trümmerteilen aus und dachte nicht darüber nach, wie jäh es ihre Flucht beenden würde, sollte eines der kleineren Metallteile es mit der Widerstandskraft des Gummis ihrer Reifen aufnehmen können.

Über ihnen ließ ein Grollen die Wolkendecke erbeben. Die Wirbel der dunklen Massen verformten sich zu zyklonischen Anordnungen, aus deren Zentren ein orangenes Feuer aufloderte, als das DisarmerSchiff sich in Bewegung setzte. Mit einer ungeheuren Beschleunigung entfernte es sich in den Norden. Keetmanshoop. Die übrigen Flugzeuge, die Fracht und die Menschen dort waren verloren …

»Die hauen ab«, rief Poncho. »Vielleicht haben wir …«

Weiter kam er nicht. Ein ballonförmiger Plasmabolzen traf ihn am Hals und riss ihn vom Jeep. Verdreht schlug Ponchos lebloser Körper hinter ihnen im Staub auf.

Billy schrie etwas neben Flynn, als er das Steuer herumzog und einem zweiten Geschoss knapp entging. Die beiden verbliebenen Soldaten wirbelte es über die Ladefläche und auch Billy konnte sich nur mit Mühe halten. Die Hinterachse des Jeeps hob anderthalb Meter vom Boden ab, als gleich mehrere Geschosse in den Reifen und die Aufhängung einschlugen. Billys Kopf schlug hart gegen die Armaturen, sofort färbte sich sein Stirnband dunkel von Blut. Auch Flynn riss es ein Stück aus dem Sitz und er krachte mit der Wirbelsäule gegen die Rückenlehne. An dem vor Schmerz stöhnenden Billy vorbei sah er gehetzt in Richtung der Schüsse, die sie zum Stillstand gebracht hatten.

Weitere Plasmabolzen, dutzende, hunderte zuckten aus den Nebeln hervor und nahmen alles ins Visier, was noch stand oder fuhr. Die Projektile schlugen mit hoher Zielgenauigkeit durch Motorblöcke, Reifen und Scheiben. Spezielle Geschosse, die nadelspitz zuliefen, mähten Männer und Frauen noch in hundert Metern Entfernung und nach dem mühelosen Durchschlagen mehrerer Hindernisse um. Und dann begannen sich die Schützen aus der Düsternis und dem Rauch zu schälen.

Jeder Instinkt schrie Flynn zu, dass er handeln musste. Aber er konnte nicht. Konnte den Blick nicht abwenden. Sie waren keine einhundert Schritte entfernt und näher war er ihnen nie gewesen. Ihre Gestalt war humanoid, aber sie waren kleiner und vor allem schmaler als ein Mensch. Aus der Entfernung schätzte Flynn, dass sie ihm nur bis ans Kinn reichten und nicht halb so breit waren wie er. Sie wirkten fast zierlich, kindlich, kränklich. Doch das nahm den Wesen nichts von ihrer Befremdlichkeit, ihrer erbarmungslosen Präzision und es minderte nicht im Geringsten die Kälte des Schauers, den ihr Anblick Flynn bis in die Eingeweide jagte.

Er wusste nicht, ob sie Rüstungen trugen oder ob es ihre Haut war, die sich lederartig und bronzegrau über die ädrigen und knöchernen Verzweigungen ihrer Gliedmaßen und des Torsos spannte. Der Gang ihrer drahtigen Beine war staksend und dennoch von einer tänzerischen Eleganz, sie schienen die Kniegelenke in jedem erdenklichen Winkel drehen und fixieren zu können, um den Rückstoß ihrer Kanonen abzufedern. Die Waffen hielten sie eng angelegt vor sich, um eine noch geringere Trefferfläche zu bieten. Bauch und Brustkorb waren nach innen gewölbt, doch feste Muskelstränge zeichneten sich auf Oberkörper und Armen ab. Die vorgeschobenen Schultern schienen mit abgerundeten Platten verstärkt, doch Flynn konnte nicht sagen, ob diese ihnen organisch aus dem Rücken wuchsen oder zu einer Panzerung gehörten. Schuppenartige Ringe, die im Kehlbereich eng zuliefen, führten Hals und Nacken hinauf und aus dem Hinterkopf austretend schlangen sich geriffelte Röhren und pulsierende Atemventile bis zu den Wangen. Der übrige Kopf bestand aus verschiedenförmigen Paneelen und Buckeln an den Seiten, durchzogen von symmetrischen Einkerbungen und Windungen. Die Schädeldecke war von einer größeren, in der Mitte zweigeteilten Kuppel überzogen, die nach hinten schmal zulief und deren vier vordere Hauptplatten in umgedrehter UForm über Stirn und Augenpartie lagen und diese komplett verbargen. Darunter … ihre Gesichter.

Es waren keine Gesichter, zumindest nicht dem Verständnis eines Menschen nach. Sie hatten keine sichtbaren Augen, aus denen man hätte lesen können, und auch sonst kein Merkmal, das einen Glauben an Konsens geweckt hätte. Gesichter, wie unterschiedlich sie sein mochten, boten immer wenigstens die Möglichkeit von Gemeinsamkeit. Sie ließen Zeichen einer Absicht oder eines Befindens erkennen, das sich anders kaum ausdrücken ließ, das ungewollt oder beabsichtigt verschwiegen werden konnte. Sein ganzes Leben hatte Flynn mehr Emotionen in Gesichtern gesehen, als er in Worten gehört hatte. Doch in den Gesichtern der Aliens, soweit er es aus der Entfernung abschätzen konnte, war nichts.

Sie waren schmal und spitz, konturenreich, aber leer. Zwei fingerbreite Dornen am Kinn spreizten sich zu dem auf, was bei einem Menschen die Wangenknochen gewesen wären. Eingefasst in mehrere Streben eisengrauen Gewebes glich der Bereich dazwischen, wenn überhaupt, dem eines Totenschädels, dem die Nasenhöhle an die Stelle des Mundes gerutscht war. Doch bei den Aliens war es keine Höhle, sondern zwei ungleich große und geschlossene Hexagone. Das kleinere untere war grade ausgerichtet, das obere nach außen vorgeklappt. Die oval darum liegenden „Lippen“ trafen sich darüber und liefen auf einen münzgroßen Huckel zu, der unter der Schädelkuppel verschwand.

Nichts in diesen Gesichtern rührte sich, zuckte auch nur; und auch wenn Flynns gesamter Sinnesapparat vor Eindrücken und Anspannung ächzte glaubte er doch, dass sie weder Helm noch Maske trugen. In scheinbar willkürlicher Formation rückten die Aliens näher. Die wenigen bewaffneten Menschen, die ihrem Beschuss entgehen und sich verschanzen konnten, gaben Schüsse und Salven aus der Deckung ab. Doch sie fanden ihr Ziel überwiegend erst gar nicht, zielten weit über die Köpfe der Wesen oder durch die breiten Lücken ihrer Reihen. Die Kugeln, die durchkamen, wurden von den Schutzschilden der Aliens abgefangen. Mit einer Geschwindigkeit, die das Auge kaum erfassen konnte, gingen sie seitlich in die Hocke und die grell orangenen Schilde leuchteten über anderthalb Meter in Breite und Höhe in sechseckiger Form an ihrem Arm auf. Die Energiefelder schluckten die Kugeln und zerbröselten sie wie trockenes Brot. Dann richtete eines der Aliens seine Waffe auf ihren Jeep.

Und endlich reagierte Flynn. Er packte den halb bewusstlosen Billy am Kragen und riss ihn mit aller Anstrengung mit sich aus dem Wagen. Keinen Moment zu früh. Das Geschoss schlug in den Beifahrersitz ein und hätte den Brustkorb des Soldaten zerrissen. Sie landeten hart im Staub, Billys schwerer Körper drückte Flynn die Luft aus den Lungen. In taumelnder Synchronität versuchten die beiden verbliebenen Männer von der Ladefläche des Jeeps zu entkommen und wurden fast

zeitgleich von Plasmabolzen durchschossen.

Blut spritzte auf Billys Rücken. Flynn stemmte ihn von sich und gegen den Vorderreifen des Wagens, der am hinteren Ende zu qualmen begonnen hatte. Billys Gesicht war regungslos. Er war nicht tot, aber als sie sich zum letzten Mal ansahen war ihnen beiden klar, dass Flynn ihn nicht zu retten versucht hatte. Er hatte Billys Körper zum Schutz vor sich gezogen, falls das Geschoss, dass in den Beifahrersitz eingeschlagen war, stattdessen ihm gegolten hätte. Als Billy ihm zunickte lagen darin weder Dank noch Anklage. Es war nur der stumme Abschied einer unbedeutenden Kameradschaft. Einer würde gehen, der andere überleben. Flynn erwiderte die Geste.

Dann rannte er.

Er lief geduckt, um die Deckung des Jeeps zu nutzen. Das abrupt beendete Ausweichmanöver hatte sie dem Rand des zerstörten Konvois entgegengetrieben und die Aliens konzentrierten ihr Feuer mehr auf das Zentrum und die verbliebenen Trucks.

Flynn hatte etwas anderes bemerkt. Er war bloß fünfzig Meter von einem der Marauder entfernt, dem es das Geschütz vom Dach gesprengt hatte. Doch abgesehen davon wirkte das zweimannhohe SUVMonstrum gänzlich unbeeindruckt von allem, was um es herum passierte. Lauernd stand es da, wie eine Mischung aus Alligator und Rhinozeros, die breite Front funkelte Flynn an, angestachelt und kampfeslustig. Die Türen standen offen und hinter den hoch angebrachten Fenstern konnte er niemanden erkennen.

Flynn rannte weiter, egal wie heftig die Schmerzwellen zu schwappen begannen und ihm vom Knie bis in die Hüfte stießen.

Mit einem Aufprall, der durch die flexible Motorik des Wesens fast keinen Laut von sich gab, landete eines der Aliens zwischen ihm und dem Marauder. Ohne zu zögern und in einer einzigen geschmeidigen Bewegung legte es auf ihn an.

Flynn sprang nach vorne, entging dem Geschoss um Millimeter und war sofort wieder auf den Beinen, benötigte seinerseits nur eine einzige, intuitiv ausgeführte Bewegung und hatte die Glock in der Hand. Er schoss aus vollem Lauf, das Schutzschild des Aliens zog auf, doch die halbe Sekunde Verzögerung, ehe es zum nächsten Schuss ansetzen konnte, genügte Flynn.

Er erreichte das Wesen, drückte dessen Kopf nach hinten, spürte Kälte an seinen Fingerspitzen, drückte die Glock in eine Bucht zwischen Kinnzapfen und Kehle und schoss, BLAM BLAM BLAM! Eine orange Substanz spritzte dem Alien aus dem Schädel und es erschlaffte. Die Waffe fiel aus seiner Hand, als zwei weitere seiner Art hinter Flynn landeten. Er warf sich in die Hocke, packte den linken Arm des toten Aliens und hielt ihn vor sich, ohne Gewissheit, dass es etwas bringen würde …

… doch das Energiefeld flackerte auf, als die Angreifer auf ihn schossen. Es absorbierte die Plasmaeinschläge, drückte Flynn nach hinten und er musste sein Knie mit aller Kraft in den Boden stemmen, um nicht überzukippen. Die Schussfrequenz ließ nicht nach und die Wesen begannen ihn mit Seitenschritten wie Krebse zu umkreisen. Das Schild gab einen seltsam wimmernden Ton von sich und verlor zusehends an Stabilität. Es hatte den Bluff bemerkt und wollte nichts dringlicher, als seinen Dienst aufgeben, den lästigen Menschen erledigt sehen.

Dann legte das Alien rechts von ihm eine Feuerpause ein und begann, an seinem Gewehr zu hantieren.

Flynn hatte keine Ahnung, wie ihre Waffen im Detail funktionierten und wusste nicht, ob es Ladehemmungen, Überhitzung oder ein aufgebrauchter Energievorrat waren, die den Angreifer aufhielten, aber wie zuvor nutzte er den Moment.

Einem Sprinter gleich, der aus dem Startblock hechtet, stieß er sich vom Boden ab, zog den leichten Körper des leblosen Wesens mit und richtete das nachlassende Schild in seinem Rücken nach links, von wo aus das andere Alien unablässig feuerte.

Nach fünf weiten Schritten warf er sich vor, riss die Leiche über seine Schulter, bekam Funken ab, als ein Plasmabolzen am äußersten Rand des Schildes einschlug, so nah, dass er die Hitze auf seinem Gesicht spüren konnte, doch der Einschlag verstärkte die Schwungkraft seines Hiebes nur noch.

Das Alien vor ihm konnte nicht mehr reagieren und das niedersausende Schild trennte seinen Kopf ab.

Eine Sandmulde fing ihn auf, als Flynn um die eigene Achse rotierte und auf dem Bauch landete, während es ihm irgendwie gelang, das immer unbeständiger zuckende und halb in den Boden versenkte Schild am ausgestreckten Arm seines eigentlichen Trägers über sich aufrecht zu halten. Das verbliebene Alien stieß einen Laut aus, der nach Überraschung klang, als der Körper seines enthaupteten Artverwandten neben Flynn zu Boden ging.

Das Adrenalin raste durch Flynns Adern, die Lungen geiferten nach Sauerstoff und die Atmung ließ seinen Brustkorb vibrieren, als würde ein Presslufthammer darauf herum wüten. Zum ersten Mal drangen wieder klare Gedanken durch das reine Instinkthandeln der letzten Minuten (oder waren es nur Sekunden gewesen?) und Flynns Blick huschte von dem verzerrten Alien jenseits der orangenen Barriere zum Himmel. Eines ihrer Schiffe war abgeflogen, doch über ihnen hing noch eines, von dem aus die drei Angreifer abgesprungen waren. Der ganze Himmel über diesen elenden Wolken konnte voll von ihnen sein. Aber selbst, wenn es nur zwei Schiffe waren, blieb die Frage: Welches war verschwunden – und welches war noch da? Und wozu war es fähig? Flynn hob die Glock neben sein Gesicht. Was, wenn …

Er wollte fluchen und schreien, als sich das orangene Gitternetz ein zweites Mal über die Wüste legte. Aber was hätte es genützt? Flynn kappte jedes Denken und Fühlen, es ging erneut nur ums Handeln. Er wühlte mit der Glock eine Kuhle in den Sand, buddelte die Waffe ein, zog den Körper des enthaupteten Aliens über die Stelle, alles, während er mit der linken Hand den Arm umklammerte, aus dem das Energiefeld hervorkam. Es knisterte im Sand. Und erlosch. Das dritte Alien hatte zu schießen aufgehört, hielt seinen rechten Arm mit der Waffe abgewinkelt und kam auf ihn zu. Der Scan glitt über das Feld. Das Lasergitter verschwand. Das Alien kam näher, noch dreißig Schritte entfernt winkelte es den linken Arm vor der Brust an und statt der Schildform kam die orangene Energie wie eine lange Klinge daraus hervor.

Flynn wollte bereits losstürzen, stützte sich in die Höhe und auf sein linkes Bein, war von den Lichtquellen so sehr geblendet, dass er das orangene Glimmen unter sich nicht sofort bemerkte. Unverständig sah er an sich hinab. Außerhalb vom Blickfeld des dritten Angreifers hing sein rechtes Bein da, so tot wie die Alienleiber, hing da, als hätte es nichts mehr mit der Aufgabe zu tun, ihn am Leben zu halten. Ein Dutzend orangene Punkte haftete an dem Holster und den Magazinen, die darin verstaut waren.

Seine Augen weiteten sich, aber Flynn kämpfte gegen das Erstarren an, das ihn einzufrieren versuchte. Hastig fummelte und riss er an den Klickverschlüssen des Holsters, löste einen, löste den zweiten. Das Alien war bis auf zwanzig, neunzehn, achtzehn Schritte an ihn herangekommen.

Die Schreie aus Richtung des Konvois, die aufschrillenden Lichtpunkte, die auf ihn zuschwappende Welle der Explosionen, all das bemerkte Flynn nicht. Er löste den dritten Verschluss, fünfzehn Schritte, vierzehn Schritte, die Punkte an seinem Holster schrillten, der vierte Verschluss, elf Schritte, zehn Schritte, die Energieklinge holte zum Streich aus…

Flynn löste das Holster von seinem Bein, warf es dem Alien entgegen und sich selbst in der gleichen Bewegung nach hinten. Die heiße Druckwelle der Partikelexplosionen schlug nach ihm, presste ihn zu Boden, drosch die Luft und für Sekunden das Bewusstsein aus ihm heraus. Dann lag er da, eine Puppe, deren Puppenspieler die Fäden gekappt hatte. Die Arme hatte es ihm über den Kopf geworfen, die Beine waren weit gespreizt, tief in den Sand gedrückt. Der Geruch angesengter Bauchhaare kroch ihm in die Nase und etwas anderes, ein süßlicher Gestank, der sich mit dem herben Geschmack auf seiner Zunge mischte. In seinen Ohren rauschte und pfiff es, der abebbende Schlachtlärm drang nur noch gedämmt durch. An ein paar Stellen spürte Flynn etwas Warmes und Feuchtes in feinen Linien an seinem Gesicht hinabrinnen, aber er begriff nicht, dass es Blut war, das ihm aus Schnitten und Kratzern lief. Er begriff gar nichts mehr. Nur noch, dass es vorbei war.

Alles aus …

Er schloss die Augen. Vielleicht war die Zeit der Erholung gekommen. Nicht auf einem der Trucks, sondern hier im Sand. Vielleicht könnte er sich vorstellen, es sei ein Strand … Bondi Beach in Sydney, sie liegen in der Sonne, beobachten die Surfer, Jessa trägt ein regenbogenbuntes Seidentuch um die Schultern und sie schlürft lauter als er, wenn sie am Strohhalm ihres Drinks zieht. Strawberry Lime. Sie grinst. Neckt ihn. Ihr Haar kräuselt sich an ihrem schlanken Hals. Sie ist glücklich. Und Flynn ist es auch. Dann sagt sie etwas. Es ist ein Flüstern. Nur der Widerhall einer Stimme. Weit weg. Die Bewegungen ihrer Lippen passen nicht zu den Worten. »Ich sterbe in meiner Heimat.«

Flynn öffnete die Augen. Er durfte nicht aufgeben.

Mühsam rollte er sich auf den Bauch, zog sich vorsichtig auf eine flache Düne und verschaffte sich einen Überblick. Der Konvoi brannte, Flammen und Qualmsäulen stiegen überall auf. Einen Menschen, der noch stand, konnte er nirgends ausmachen. Die Plasmabolzen der Aliens zuckten nur noch gelegentlich und in einiger Entfernung durch die allumfassende Verwüstung. Er blickte zurück. Der Marauder hatte geduldig gewartet. Flynn versicherte sich noch einmal, dass keine Aufmerksamkeit und keine Waffen auf ihn gerichtet waren, dann kroch er rückwärts von der Anhöhe herunter und drückte sich in die Höhe.

Die Kraft reichte kaum, um sich aufrecht zu halten, und der Marauder schien plötzlich ein Lichtjahr entfernt zu sein. Sein rechtes Bein war schlaff, ohne die HolsterPlattform und durch die vorige Anstrengung war jede Anspannung aus der Muskulatur gewichen. Flynn knickte ein. Taumelte. Stemmte sich wieder hoch. Schlug mit der Faust auf den Oberschenkel ein. Wieder. Und wieder. Der Schmerz weckte ihn, er presste die Zähne zusammen, um keinen Schrei auszustoßen. Das Adrenalin kehrte zurück und mit ihm die Entschlossenheit.

Er grub die Glock aus und vorbei an den Leichen der Aliens lief er auf den Marauder zu, kletterte auf die zweisprossige Einstiegsleiter, zog sich in den Panzergiganten und hinter das Steuer. Er startete das Ungetüm, der Motor gab ein wohliges, tiefes Brummen von sich und Flynn fuhr. In einem weiten Bogen weg von dem Konvoi. Richtung Süden. Zu ihr. Fuhr Stunden und Stunden und Stunden…

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