- Die achtundzwanzigste Kurzgeschichte aus der Reihe Ereignisse aus Hierroshai zum Hören und Lesen von Dark Fantasy-Autor Chris Jeremy…
Bil hatte bereits beim ersten Mal nicht gewusst, wie es zu reagieren galt, als diese Männer aufgetaucht waren und sein Heimatdorf Nadengrein attackiert hatten. Sicher, irgendetwas in seinem Inneren hatte drängender und drängender darauf bestanden, es nicht tatenlos geschehen zu lassen. Das gehörte sich schließlich nicht, Fackeln anzuzünden und damit Dächer in Brand zu stecken. Sie befanden sich hier nicht in den gesetzlosen Südlanden, in denen sich die Leute mit stinkenden Kräutertinkturen einrieben und um Steinformationen tanzten. Nein, sowas tat man in zivilisierter Gesellschaft nicht.
Als er jedoch sah, wie die ersten Dorfbewohner, die auf die Brandstifter einstürmten, mit Keulen und Knüppeln niedergestreckt wurden, hatte Bil lieber gar nichts unternommenen, sich darauf besonnen, nie besonders tatkräftig für etwas eingestanden zu sein, dass sich außerhalb seiner unmittelbaren Kontrolle abspielte, und stattdessen die Taane angefleht, sein Heim möge verschont bleiben. Immerhin konnte es auch ganz und gar persönliche Gründe haben, dass die Marodeure sich ausgerechnet, doch ebenso ausschließlich an den Hütten von Klimm und Hannen vergriffen hatten. Gründe, die Bil überhaupt nichts angingen, und so hatte er Tage später brav und wortlos, um niemanden in Verlegenheit zu bringen, beim Wiederaufbau geholfen, und den Vorfall als einmalige Angelegenheit abgehakt.
Ein Sonnenringzyklus war vergangen und das Geschehen kaum zur Sprache gekommen, was Bil in der Annahme bestätigte, dass dort ein Konflikt gelodert hatte, den sich im Nachhinein keiner aufs Gewissen laden wollte. Von Prellungen und heftigen Beulen abgesehen war niemand dauerhaft zu Schaden gekommen und das Leben ging weiter.
Bis zu diesem Abend. Es hatte begonnen wie beim letzten Mal. Klirrendes Glas. Wie beim letzten Mal hatte Bil sich gefragt, wer sich ein teures Gut wie Glas leisten konnte, nur um es zu zerschmettern. In Nadengrein heuerte man noch Wachsweber an und ließ Fenster wie gewohnt mit einer Membran aus Gihhz versiegeln.
Aus einem solchen Fenster und durch die leicht milchige Schicht etwas wetterzersetzten Gihhz lugte Bil nun in aller gebotenen Vorsicht heraus, und da waren sie wieder. Ob es sich um genau dieselben Männer handelte konnte er in der Dunkelheit, die lediglich von einigen zuckenden Fackelfeuern erleuchtet und von umso tieferen Schatten direkt wieder verborgen wurde, nicht sagen.
Doch wie bei ihren vorangegangenen Taten zogen sie auch in dieser Nacht einen Kreis aus Scherben um die neu errichteten Schuppen von Klimm und Hannen.
»Sowas«, murmelte Bil. In was waren diese beiden Kimmenkratzer bloß verwickelt?
Wortgefechte brachen unter den sieben, acht Gestalten aus, Befehle wurden gebellt; Bil glaubte ein »…das muss überzeugend aussehen!« aufzuschnappen, was ihm seltsam vorkam. Ihn jedenfalls überzeugte diese Zurschaustellung über die Maßen gewalttätigen Hausfriedensbruches allemal davon, besser erneut nichts zu unternehmen.
Ein »verschone mich, Giffeyasuhl, lass sie mein Heim nicht befallen« lag ihm auf den Lippen, doch etwas war dieses Mal anders. Nicht bloß, dass er nichts unternahm. Das ganze Dorf erwachte nicht. Nebst Bil stürmte auch niemand sonst vor die Tür, um nach dem Rechten zu sehen und für Gerechtigkeit zu sorgen. Sicher, es hatte bereits zuvor nicht viel genutzt, doch wollten sie als Gemeinschaft denn wirklich den Eindruck zulassen, sich so etwas öfter einfach gefallen zu lassen? Was, wenn diese Untäter es doch nicht bei Klimm und Hannen beließen?
Nadengrein schlief weiter …
… und Bil kroch ein Schaudern über den Rücken. Ein fieses Pieksen würmte in seinen Eingeweiden herum und er spürte, dass plötzlich kalter Schweiß an seiner Stirn klebte. Ihm wurde zunehmend mulmig bei der Vorstellung, dass auch ihm keiner zur Hilfe kommen würde, sollte irgendwer entscheiden, sein Dach müsse als nächstes in Flammen stehen. Das durfte es doch nicht sein, wohin es sie als Gemeinschaft verschlagen hatte!
Diese Erkenntnis brachte den Damm seiner Widerstände unerwartet heftig zum Brechen. Zusammengekrümmt und mit einem »Huuuaaarrghh« kotzte Bil vor seine nackten Füße. Auch die Hinterpforte hielt nicht geschlossen und jagte einen braunen Strahl unter seinem Nachthemd hervor. Den flatterigen Stoff gesprenkelt von Kotze und Scheiße schlüpfte er nach einigen wankenden Schritten in ein Paar abgewetzte Stiefel und griff sich das erstbeste, was es nahe seines Hauseinganges zu greifen gab. Immerhin, ein Besen, mit spitzgeschliffener, metallener Endkappe. Fast ein Schwert.
Mit einem saftigen Krachen, dass das Knacken und Knistern der Flammen übertönte, die inzwischen aus Klimm und Hannens Dächern stoben, wuchtete sich Bil in die kalte Nachtluft und auf den offenen Platz, der zwischen seinem Heim und den niederbrennenden Schuppen lag. »Hey!«, rief er und es schwappte ein ganzer Mund voll zu viel strenger Dämpfe in seinen Hals. Der folgende Hustenanfall lehrte ihn den Wert des Besenstiels, denn hätte er sich nicht auf diesem abstützen können wäre er wohl lang hin in den Dreck geschlagen.
Zwei der Männer drehten sich zu ihm um, die anderen waren in kleinen Grüppchen in beiläufige Gespräche vertieft, als wäre überhaupt nichts dabei, am Ort eines Verbrechens auch noch ganz gelassen herumzulungern.
Bil röchelte einen Gallebrocken aus und musste sich eingestehen, sicher nicht den respekteinflößendsten Auftritt hinzulegen, erst recht nicht, da ihm ein knatternder Furz entwich, nachdem er sich aufgerappelt und in die maskierten Gesichter der Übeltäter geblickt hatte.
Doch schließlich hatte er sich nicht für Loblieder und Heldengesänge aufgemacht, sondern um sein Zuhause zu schützen. Er zog sich so aufrecht am Besen empor, wie seine Verfassung es zuließ, und warf sich in die Brust. »Hey, hört mal auf da … ähm.«
»Bei den Taanen, geh wieder rein, Bil«, sprach einer der Maskierten, die Stimme verstellt und von dickem Stoff unterdrückt. Dennoch … irgendwie vertraut.
»Sag doch nicht seinen Namen«, fauchte der andere. »Husch husch, Alter! Verschwinde mal schnell wieder.«
»Ja, nee. Verschwindet ihr mal wieder, wollte ich euch noch sagen. Wir sind ein unbescholtenes, ehrliches kleines Dörflein und wir wollen keinen Ärger mit Gesindel wie euch.« Bil knallte den Besen hart auf den Boden, oder zumindest hatte er das vorgehabt. Nur gaben die Borsten mit einem so unerwarteten Ruck nach, dass Bil nach vorne taumelte, der Stiel in seinen kurzen Ärmel rutschte, der ganze Besen sich verkeilte und ihm das eingefleckte Nachthemd bis über den blanken Arsch zog. Zappelnd und aufgespießt dahängend wedelte er mit der Faust, und unfreiwilligerweise zudem mit seinem schrumpeligen Gemächt.
»Scheiße, das gibt es doch nicht«, fluchte einer der Maskenmänner, trat über den Halbkreis aus zerschmettertem Glas, ihre bis hierhin und nicht weiter-Linie, und zog ein Messer.
Die Flammen zuckten wie nervöse Finger, die eine Feder zu halten versuchten, über das Dokument des nächtlichen Firmaments. Der meiste Rauch quoll fort in die Weite von Karbashyalinths Himmel, doch Winde trieben einzelne Wehen über Bils vorgerecktes Antlitz. Unbeugsamen Stolz, oder so etwas, versuchte er zum Ausdruck zu bringen, doch das konnte in seiner Position wohl nicht recht hinkommen. Das war’s, schoss es ihm durch die vernebelten Sinne. Die Klinge des Angreifers reflektierte grelle orange Blitze auf den beigen Stoff seiner unvorteilhaften Kutte und alsbald würde sie nun wohl von Blut durchtränkt sein.
Bil fühlte sich seltsam bereit. Er war aufgestanden für die Gemeinschaft, oder etwa nicht? Er hatte gezeigt, dass Nadengrein bereit war, zu trotzen. Er war mit gutem Beispiel vorangegangen, und das war einer dieser Lehrsätze seines Vaters, der sich ihm bis zum heutigen Abend nie so ganz erschlossen hatten. Sterben für die gute Sache. Konnte man symbolträchtiger vorangehen? Wohl kaum.
»Na mach schon«, knurrte er, spuckte dem Mann entgegen, doch der trockene Klumpen gelblichen Speichels blieb an seiner Unterlippe hängen, triefte und tropfte von dort aus zäh und träge Richtung Kinn.
»Ach verdammich«, erwiderte der Mann, diesmal mit unverstellter Stimme, »Bil, was soll denn dieser Unsinn?« Er hob das Messer, doch statt an Bils Kehle setzte er es an der aufgebeulten Schulter seines Nachthemdes an, dort wo der Besenstiel ihn hochgenommen hatte. Mit einigem Kritschen und Kratschen, die Klinge scheinbar stumpf wie das Gebiss einer greisen Mormor, durchtrennte er die Nähte, bis der Stoff zurück über Bils Blöße sackte und der Besen ihn nicht länger festhielt.
»Jetzt sag aber mal …«, keuchte Bil. »Hui, vielen Dank auch.«
»Schon in Ordnung. Und jetzt ins Haus mit dir.«
»Sag mal …« Bils Augen weiteten sich ungläubig. »Klimm, bist du das?«
Der Mann sah sich verstohlen um, lüftete dann seine Maske. »Ja Mensch, und nun verschwinde schon!«
»Aber … dein Schuppen brennt.«
»Natürlich.« Klimm hörte sich zunehmend ungeduldig an, doch anscheinend nicht, weil ihm das Feuer Hab und Gut wegfraß. »Und die Assekuranz wird den Schaden ums doppelte vergelten, wie beim letzten Mal, und nun bitte geh!«
»Aber … aber …« Bils Worte stammelten so unbeholfen wie seine schlingernden Schritte. »Aber das ist ja … betrügerisch!«, rief er das letzte Wort aus, als sei ihm die Eingebung direkt aus dem Herzen über die Zunge gefahren.
Klimm bedeutete ihm mit einer Geste, zu schweigen. »Was soll es wohl sonst sein? Wir haben uns lange genug von Haus Mierbenstrauss ausbeuten lassen. Hast du eine Ahnung, was heutzutage in den Verträgen steht? Was für absurde Abschläge und Zölle auf jeden Kleinviehschiss erhoben werden, bloß um Nutzungsrechte für fünf Fuß Scheune beglaubigt zu bekommen? Wie viel Silberrand wir dafür blechen müssen? Und jetzt ver-schwin-de, Bil. Dieser Ban’barian hat seine Späher überall, und das hier darf keinen Verdacht erregen.«
»Ban- … was für einer?«
»Ein besonders skrupelloser Finanzkalibrant. Der taanverfluchte Schuldeneintreiber von Mierbenstrauss. Husch jetzt!«
Zwischen all diesen Informationen, die für Bil noch lange nicht richtig Sinn ergeben wollten, beschloss er, auf Klimm zu hören. Etwas in ihm verfluchte sich, überhaupt auf sein Gewissen, etwas für die Gemeinschaft unternehmen zu wollen, gehört zu haben. Doch wie hätte er Menschen, mit denen er seit Jahr und Jahrzehnt und solange er denken konnte Seite an Seite lebte so etwas zutrauen könn-…
Beim Versuch, rückwärts zu gehen, verknäulten sich seine Beine mit dem Besenstiel. Etwas knackte, brach, vielleicht ein Schienbeinknochen, vielleicht der Stiel, vielleicht das letzte bisschen Selbstwert, das ihm jäh abhanden kam, als es die spitze Metallkappe von unten in seinen Unterkiefer trieb und er noch zu spüren glaubte, wie sie alles mögliche durchbohrte, bis sie von innen an seine Schädeldecke stieß.
Dann hing Bil da, erneut unvorteilhaft aufgezäumt, sabbernd, bluttriefend, und auch noch den letzten Hauch Leben ausscheißend, mit dem er wenigstens ein Mal versucht hatte, für etwas einzustehen. Für die Gemeinschaft …




Alles absolut grandios gelesen. 😊
Und bezogen auf die Kurzgeschichte *Für die Gemeinschaft*, tja, Bil hat es versucht. 😋 Das ist auch was wert. Aber in diesem Fall eventuell sogar zu viel wert. 🤭
Ps: sehr überzeugendes Brech-Geräusch, haha. Du kannst also auch Spezial-Effekt-Geräusche. Da möchte man ja direkt mehr reine Geräusch-Beschreibungen in ein Manuskript setzen, nur um zu erfahren, wie du die wohl vorlesen wirst, hahaha. 😅
🤣 🤣 danke, sicher mit die wichtigste Qualifikation für einen guten Sprecher, überzeugende Körperausscheidungsgeräusche 😜