Carneys Route Dystopie Kurzgeschichte

Wörter

5.181

Perspektive

3rd Person

Genre

Dystopie/Postapokalypse

Erscheinungsdatum

5.06.2025 (ursprünglich in der Anthologie Terra Ruina)

Wenn Isaac Carney an das Leben dachte, dachte er an die Wiesen in den Vorgärten, an sattgrünen, gut gepflegten und regelmäßig bewässerten Rasen, um die Häuser der Suburbs gelegt, als sei ein einziges Mal der Rahmen wichtiger als das Gemälde. Seine abgetragenen Schuhe, unter deren Sohlen das Gras seufzend nachgab. Die morgendliche Feuchte des Taus, seine Knöchel benetzend. Das Wasser selbst wie Leben; und der Duft gemähter Halme erfüllte die Umgebung wie ein Versprechen auf Wiederbringlichkeit … 

Wenn Isaac Carney an den Tod dachte, dachte er an das, was er vor sich sah. Und dann unterließ er es, auch nur einen Moment mit dem Denken weiterzumachen. »Handeln«, raunte er den Männern zu und schluckte trocken. »Kommt, nicht innehalten.« 

»Wir könnten ’ne Pause gebrauchen«, sagte Fletcher. 

»Eine kurze Rast, Mann, ich meine, Master, das würde schon reichen«, pflichtete Johnson bei. 

»Nenn mich verdammt nicht so. Und nennt es wie ihr wollt. Keine Pause, keine Rast.« Carney warf sich einen weiteren der zugeknoteten Plastikbeutel über die Schulter, in dem Konservendosen übereinander herfallend klapperten. Einen stufenförmig aufgetürmten Schuttberg und das Gemaule der Männer hinter sich lassend stieg er zur hölzernen Ladefläche eines Karrens empor. Dosen in Beuteln klatschten auf mehr Dosen in Beuteln. Und der Nachklang des Geräusches, dumpf durch die aschegeschwärzten Ruinen unter einem tiefhängenden grauen Himmel hallend, schien ihn zu verhöhnen. Der ewige Hohn ausgeatmeten Kohlendioxids, wenn man nichts so sehr brauchte, wie einen Atemzug frischer Luft. 

Flonndike beobachtete ihn, kratzte mit brüchigen Nägeln an seiner schorfigen Kopfhaut und deutete auf die Ladefläche. »Irgendwer muss das hinterher auch noch ziehen können, was, Boss Man?« 

»Sicher.« Carney legte eine Hand auf das Metallgestänge an der Seite des Karrens. »Und nenn mich nicht so.« Er hasste es, dass diese Männer sprachen, als hätten Begriffe wie ‚später‘ oder ‚morgen‘ noch irgendeine Bedeutung. Mehr als der nächste Schritt des ‚jetzt‘ galt nicht, doch das verstanden sie nicht. Die Erledigung der Dinge folgte einem Takt, einer Rhythmik; handeln, schaffen, und erneut. Erneut. Erneut. 

»Sie«, sagte Flonndike, »gehören zu denen, die mit anpacken und nicht nur rumkommandieren, das find ich gut, nich dass wir uns in den falschen Hals kriegen.« Er spukte aus, als wäre sein Monolog es wert, noch mehr Flüssigkeit zu verschwenden. »Aber wir müssen heute nichts wegschaffen, was in einer Woche noch hier rumliegt, wissen Sie?« 

»Nein, weiß ich nicht«, erwiderte Carney, und eine Kälte lag in seiner Stimme, als hätte der andere mit Ästen auf seine Speichen gezielt. »Man erledigt, was man erledigen kann. Und wenn es sein muss, noch ein bisschen mehr.« 

»Gütiger Gott«, brummte Flonndike. 

»Der hat damit rein gar nichts zu tun.« Carney machte sich auf den Rückweg; Fletcher und Johnson hatten zwischen den aufgesprengten Bodenfliesen und umgestürzten Regalen des einstigen Lebensmittelladens weitere Konserven geborgen und in Taschen verstaut, ergänzten das halbe Dutzend, das bereits am Fuße der Schutttreppe wartete. 

»Reicht es Ihnen jetzt?«, fragte Johnson, den Hemdskragen dunkel vom Schweiß. 

Carney nickte in den vorderen Teil des Ladens, dorthin, wo der verschüttete Eingang lag. »Bei den Kassen, seht da nach. Wasserflaschen. Alles, was keimfrei erscheint. Und Süßkram. Süßkram für die Kinder. Bonbons, Schokoriegel.« 

»Pah. Und wir kriegen bloß unseren eigenen Nasenrotz, Thunfisch und saure Gurken«, beklagte sich Fletcher mit einem Schniefen, doch Carney hörte nicht mehr zu, griff sich einen weiteren Beutel und schulterte die nächste Zustellung. 

 

 * * * 

 

Am Abend, der sich vom Tag durch noch grausamere Dunkelheit und noch größere Hoffnungslosigkeit unterschied, lag Carney auf seiner Matratze. Ihr Stoff durch Jahre des Einnässens zu unterschiedlichen Gelbtönen verfärbt. Er konnte es weder erklären noch kontrollieren, er trank kaum genug, um seinen Rachen feucht zu halten, doch in der Nacht drängte die Pisse aus ihm wie Luft aus einem zerstochenen Fahrradschlauch. Eigentlich hätte er sie sammeln und zu den Destillen überführen müssen, kostbares flüssiges Gold, aber nein. Lieber pisste er sich Nacht für Nacht ein. Und wenn es ihn weckte, lutschte er an der Matratze. Was war mit ihm, was war mit der Welt passiert, dass er sich nicht einmal mehr dafür schämte? Vor sich selbst, vor Minnie C. und Zachary? 

Carney richtete sich auf. Aneinander gekuschelt lagen sie auf der anderen Seite des Raums, Zachs kleiner Kopf an Minnie C.‘ Wange gelehnt. Ein schweres Rasseln begleitete sein Ausatmen, das den fransigen Stoff am Ausschnitt ihres Shirts in Bewegung versetzte. Darunter wogten ihre Brüste gleichmäßig auf und ab, und Carney dachte daran, dass auch das einst zu trinken, Leben gewesen war. Und Nähe. Zärtlichkeit. Begehren. Haut, die Haut fand in der Finsternis, ein Leuchten erzeugte. Berührungen, die nicht bloß ausgeführt wurden, um Halt zu geben. Oder die Sterbenden zu begleiten, die beim Sterben nicht für sich sein, nicht für sich gehen wollten. Jede andere Berührung war so tot wie das Gras der Vorgärten. Carney löschte die einsame Kerze. 

 

* * * 

 

»Isaac … Isaac!« 

Es war das Drängen des Tons, nicht das Flüstern selbst, das Carney in tiefster Nacht weckte. Er blinzelte in allumfassende Schwärze, ein eng geknüpftes Tuch, das über ihm lag, als solle es den Liebsten seinen letzten Anblick ersparen. Welchen Liebsten? Erst nach und nach schälten sich Konturen hervor, ein Umriss, der sich gegen die Wand abhob. 

»Isaac?« 

Eine bekannte Stimme. »Feddups? Was zum …« 

»Ja, ich bin es.« Der Mann zerknirschte Kautabak zwischen den Zähnen. 

Carney rieb sich die Lider, stemmte sich auf einen Ellenbogen. »Seit wann bist du …« 

»Kürzlich. Nicht so wichtig. Du sagtest, ich solle sofort zu dir kommen, wenn ich ihn gefunden habe.« 

Ein Eimer kalten Wassers hätte denselben Effekt bei Carney ausgelöst. Plötzlich sah er klar; sich apathisch durch den zähen Fluss traumloser Schlafbilder quälendes Geistesgut wurde zu greifbarer Vorstellungskraft. Seine Hand packte Feddups bei der Schulter und der kippte überrascht aus der Hocke auf den Arsch. »Wo, wo ist er?« 

»Jeez, beruhig dich, Bruder. Milford, hörst du?« 

»Milford«, wiederholte er, als würde er aus einer heiligen Schrift zitieren. »Milford. Die ganze Zeit so nah.« 

»Wir wussten ja, es kann nicht weit sein.« Feddups streifte Carneys Hand ab, die reglos ausgestreckt verharrte, und richtete sich auf, ging mit lautlosen Schritten einen Halbkreis ab. »Albert Jackson Avenue 57«, sagte er gedämpft. 

»Milford. Wie …« Carney stockte, vernahm, dass Minnie C. sich im Schlaf umwandte. Sie wachte nicht auf. Zachary krächzte kurz. Auch er blieb vom Schlaf gefesselt. »Wie gefährlich? Wie gefährlich ist der Weg?« 

»Du siehst, ich stehe noch, beide Beine noch meine eigenen und um kein Stückchen Fleisch ärmer. Aber nicht zu unterschätzen, die Gefahr. Bedauerlicherweise stellt sie kein ‚Vorsicht, bissiger Mensch‘-Schild auf. Ich hatte Coons dabei. Der hat es nicht zurückgeschafft.« 

»Um zurück geht es nicht.« 

»Was hast du gesagt?« Sein Stiefelabsatz knirschte. 

Carney sah auf und in der Dunkelheit trafen sich ihre Blicke. »Um zurück geht es nicht. Es gibt keine Retoure.« 

Sein Gegenüber stemmte die Hände in die Hüfte und spie einen abfälligen Laut aus. »Du glaubst weiterhin, dass es …« 

»Spielt keine Rolle, was ich glaube. Spielt keine Rolle, was irgendwer je geglaubt hat. Die Feuer der Hölle haben uns eingeholt, Feddups. Ein Weg, zwei Cent das Gramm. So war es damals, und das ist, woran ich mich halte.« 

»Na wie du meinst, Bruder.« Er hörte sich nicht an, als würde er sich tatsächlich damit zufriedengeben, doch das ging Carney nichts an. In einer Welt aus Ruß und Asche nützte es nichts, von geöffneten Himmelstoren zu träumen. 

»Ich werde morgen früh aufbrechen. Besorg mir eine Karte. Markier mir die Stelle. Zeichne mir eine Route ein, die du für sicher hältst.« 

»Ist schon erledigt. Hatt mich ein Tütchen vom Besten und ein Fünftel meiner Wasservorräte gekostet, McNeill eine weitere Karte abzuschwatzen.« Feddups griff nach hinten an ein Fach seines Rucksacks. »Und auch wenn es mit Flusswasser versetztes Wasser war: Du schuldest mir was, würde ich sagen, Bruder.« Er reichte ihm einen eingerollten, federleichten Bogen Pergament. 

»Dann sag es lieber nicht«, raunte Carney. Schuld beglich man im Angesicht des Herrn. Und der hatte sich abgewandt. »Danke.« 

»Was ist mit dem Jungen?« 

Carney legte die Pergamentrolle an seine Stirn, als könne er die Informationen darauf Kraft seines Willens erfassen. »Er kommt mit mir.« 

Feddups seufzte. »Scheiße. Das ist kein Marsch für ein Kind. Nicht mal für einen zähen Burschen wie Zachary.« 

»Kein Marsch für ein Kind?« Carney lächelte, ein bösartiger Schnitt in der Finsternis. »Was zählt das, Kind oder nicht?« 

»Wann bist du ein solcher Dystop geworden, Bruder?« 

»Hm.« Leise summte Carney eine Melodie. »Nach ‚ After All That I’ve Been To You‘.« 

»Was?« 

»Der letzte Song. Nicht so wichtig. Geh jetzt. Meine Matratze ist noch trocken. Die Nacht kann noch nicht weit gekommen sein. Mach‘s gut, Feddups.« 

»Fick dich, Bruder«, sagte er, doch Carney vernahm keine Wertung in seinen Worten. 

 

* * * 

 

Als ein fahler Morgen schweigsam aufging, sich mühsam gegen die Dunkelheit stemmte, und feuchte Kälte sich um ihn sammelte, liefen Tränen Carneys Wange hinab. Er wusste nicht, woher sie kamen. Woher er sie überhaupt noch nahm. Aber er ließ sie gewähren. Das salzige Rinnsal besaß kaum die Kraft, den eingesickerten Staub von seiner Haut zu waschen. Das Empfinden kaum den Mut, seiner Seele Zuversicht zu spenden. Er schluchzte, stand auf, und das Darben war vorbei. So schnell versiegt, wie es entsprungen war. Und bereits wieder vergessen, als er seine Hosen auszog und über eine Leine warf, die von einer Wand zur anderen gespannt dahing. Schritt und Beine wischte er sich mit einem steifen, kratzigen Handtuch ab. 

»Guten Morgen«, sagte Minnie C., heiser vom Schlaf, und streckte ihre Glieder. Das schroffe Knarzen ihrer Gelenke spielte ein Konzert des Verschleißes, den ihr Grinsen nicht wahrhaben wollte. »Gut geschlafen, Knackpo?« 

»Nein.« Wirkungslos, das stumpfe Messer seiner Ehrlichkeit gegen ihr Fundament des Frohsinns. 

»Griesgram«, neckte sie und zupfte sich ihr Shirt zurecht, streichelte über Zacharys Haar, während Carney ein frisches Paar Hosen von einer Stuhllehne griffelte und anlegte. 

Dann sah er sie an, ohne einen Schleier des Zweifels. »Es ist so weit.« 

Kurz verweilte ihr Grinsen, als stünde sie still in der Zeit, doch es wich schließlich, wie alles bestimmt war, zu weichen. »Nein … Isaac, nein.« Ihre Finger glitten um Zachs Haar. 

»Sobald er aufwacht. Es zu verzögern würde bedeuten, es womöglich nicht zu schaffen. Es muss jetzt getan werden.« 

Die sanfte Berührung, die sie dem Jungen spendete, klagte Carney an. »Ich will nicht wissen, warum du es jetzt tust. Ich will wissen, warum du es überhaupt tun willst. Er ist auch mein Sohn.« 

»Das ist er so wenig, wie irgendetwas noch irgendjemandem gehört. Besitz ist Trug, Minnie C. Das war er schon immer.« 

»Besitz?«, fauchte sie. »Denkst du, darum geht es mir? Er ist ein Mensch, Isaac, niemand besitzt einen Menschen.« 

»Weil ein Zusatzartikel seit fünfzig Jahres es so sagt? Hör auf.« Das Klicken seiner Gürtelschnalle peitschte durch den kahlen Raum. »Du weißt, wie die Welt war. Zu deinen Eltern. Zu deinen Grands. Gar nichts hat sich für uns geändert. Wieder stempeln sie uns bloß ab. Also tu es ihnen nicht gleich und lass den Jungen los.« 

Sie zitterte, als rüttelten Gefangene an ihren Knochen. Doch sie schluckte die Wut runter. Hatte man ihr das beigebracht? »Du bist ein bitterer Mann, Isaac. Du liegst wie Giersch auf der Zunge. Das weißt du, und es hat überhaupt keine Bedeutung für dich. Warum? Warum das Kind?« 

Sein Blick wanderte den grauen Raum ziellos ab, die eingerissenen kalten Wände, das Fenster hinaus in eine abgestorbene Ödnis. Die Wolken bewegten sich schnell, getrieben von einer Hast, die Verdammnis brachte. »Das ist unsere letzte Chance. Der Junge soll wissen, was ich getan habe. Er soll sehen, wer ich war. Bevor … Vor all dem. Bevor das Wasser alles fortgerissen hat. Vor dem Sturm.« 

Sie schwieg einen unangenehm langen, zwischen ihnen gefrierenden Moment. »Dafür? Dafür willst du sein Leben riskieren?« 

»Er hat kein Leben. Der Sturm wird wiederkommen. Diesmal wird das Wasser alles fortspülen. Und dann wird nichts mehr übrigbleiben.« 

»Wie kannst du so wenig Hoffnung haben?« Ihre Unterlippe zuckte und als ihre Finger sich fester in Zachs Haare krallten schlug der Junge die Augen auf. 

»Weil Hoffnung mir Angst macht«, sagte Carney. »Und davon so viel, dass es sich anfühlt, als läge ein Strick um meinen Hals. Gib mir das Minnie C., ohne mich zu verurteilen. Bitte.« 

Ihr Kopfschütteln wollte endgültig sein. Vergebens. »Wie kannst du … wie kannst du mir aufbürden, meinen Segen haben zu wollen?« 

»Weil ich nur ein einziges Mal darum bitten werde.« Er zog einen Revolver aus der Hosentasche und richtete den Lauf auf ihre Stirn. 

 

* * * 

 

Sie hatten die ersten fünf oder sechs Meilen entlang des verkrümmten Gerippes der alten Welt hinter sich gelassen, als der Junge zu Sprechen begann. Er war stets ein schweigsames Kind gewesen, das lieber ein Wort weniger sagte, statt mit einem zu viel aufzufallen. »Warum hast du das getan?«, sagte er, als sie die Überreste zweier Highwheeler passierten. Gebrochene, von Moder überzogene Überreste riesiger Holzspeichenräder ragten aus braunem Unkrautgewirr empor, als hätten Tote versucht, sich den Weg aus der ewigen Ruhe zu graben. 

»Manchmal ist es notwendig«, antwortete Carney und griff aus Gewohnheit an die rechteckige Tasche aus lederverstärktem Leinwandstoff, die an seiner Hüfte wippte. Ein Lärchenzaun ragte wie eine Reihe eingeschlagener Zähne seitlich des Weges auf und das zerstörte Haus am Ende eines überwucherten Pflasterweges hieß sie auf Nimmerwiedersehen. Früher war die Tasche schwerer gewesen. Hatte sich an Carneys Seite geschmiegt, ihm mit jedem schwindenden Gramm zugeflüstert, dass er seine Aufgabe tat und dass er sie gut tat. 

»Aber warum konnte Minnie C. nicht mit uns kommen?« 

Carney sah sich nach ihm um. Der Junge hielt gut mit. Setzte seine Schritte weit und sicher. »Weil sie nicht versteht, warum wir gehen müssen.« 

»Das tue ich auch nicht.« 

»Aber du wirst es verstehen.« 

»Ich bin ein Kind. Wie kann ich etwas verstehen, das eine Erwachsene nicht versteht?« 

»Weil du ein Kind bist«, sagte Carney und legte den Zeigefinger an die Lippen. »Jetzt spar dir deine Kraft. Es ist noch weit.« 

 

* * * 

 

Einst hatten immergrüne Atlas-Zedern den Weg gesäumt, doch der Sturm hatte sie brutal gefällt und nun lagen sie da, ein Wald grauer, geschlachteter Giganten in wabberigen Pfuhlen aus fauliger Bösartigkeit. 

»Sei vorsichtig«, sagte Carney und zog seine Tasche aus der Reichweite fuchtelnder Äste, die von den eisigen Böen wie hysterische Marionettenarme bewegt wurden. Sich übereinander wölbende Schieferblöcke schwarzer und aschgesprenkelter Wolken eilten über ihnen der Unausweichlichkeit voraus. Ein stetiger hoher Ton pfiff in der drückend leeren Atmosphäre und über Carneys krauses Haar, der ungelenk geführte Kamm eines greisen Barbiers. 

»Tritt hier hin, hier hin!«, wies er den Jungen an, um ihn über einen zähen Bach aus Morast zu geleiten. Das Wasser, nein der Schlick, glänzte an einigen Stellen fast verführerisch bronzen, doch Carney fiel dem Drang nach Wasser nicht anheim. Abgestempelt, zurück an den Absender. 

Sie bahnten sich ihren Weg durch eine Grube, die von steilen Erdwällen umgeben war, und von dort hinauf zur nächsten größeren Straße. Der Delaware River im Südosten war im Laufe monatelanger Regenfälle gleich einer reißenden Bestie über seine Ufer getreten, hatte Siedlungen und Städte wie Marcus Hook und New Castle verschluckt und wie Stapel aufgeweichter Pappe zurückgelassen. Da war mal so viel Leben gewesen, in den Gewässern. Dann waren sie reißende Fluten und ungenießbarer Tod geworden. So hielten sie sich einige Kilometer weiter landeinwärts, um nicht von moorigen Fallen und Erdrutschen überrumpelt zu werden. 

»Haben wir etwas zu essen? Und trinken?«, fragte Zach nach einer weiteren Meile, die sie auf einer gut befestigten Straße problemlos hatten bewältigen können. 

Carney nickte stumm. 

 

* * * 

 

Sie hielten auf einem Hof, wie der Junge ihn noch nicht gesehen hatte. Die abgesteckten, von Regen ausgehöhlten Äcker grauen Bodens und überwucherter, verwester Tierleiber, die sich über mehrere Hügel erstreckten, erinnerten ihn an die Flickenjacke der alten Bonnie F. Sie hatte dieses Abzeichen am Ärmel getragen, dass ihm gefiel. Ein Reiter, der auf einem zum Galopp ausgestreckten Pferd über eine Wiese fegte. Als hätte er etwas furchtbar Eiliges zu erledigen. Nicht für sich, für jemand anderen, hatte der Junge sich immer vorgestellt. 

Sie setzten sich auf eingesunkenes, aber trockenes Stroh unter dem halb verfallenen Dach des Farmhauses. Isaac schnallte seinen Rucksack ab, die Tasche behielt er an seiner Seite. »Süßigkeiten«, sagte er und reichte ihm den verpackten Riegel. 

»‚Squirrel Brand Peanut Bars‘«, las der Junge. Er musste kichern. »Eichhörnchennüsse.« 

»Mit Schokolade drum. Süße Nüsschen.« Isaac schnaufte. War das ein Lachen? Er hatte ihn noch nie lachen sehen … 

Sie teilten sich eine Flasche Caitlyn’s Coke und die schwarze, prickelnde Brause faszinierte den Jungen. Außer Brackwasser kannte er nicht viel. Minnie C. hatte ihm erzählt, dass die Menschen in den Städten für Getränke wie dieses starben. Sie hatte es mit einem Lächeln gesagt, also konnte sie es nicht böse gemeint haben … »Woher hast du das?« 

»Hab’s versteckt gehalten.« Isaac strich sich über das Kinn. »Für einen besonderen Anlass aufbewahrt, oder irgendwas, denke ich.« Er nahm selbst einen Schluck und verzog den Mund. »Tut ein bisschen an den Plomben weh, oder nicht?« 

»An den was?« 

Er schüttelte den Kopf, sah verlegen aus. »Nicht so wichtig. Iss.« 

Und sie aßen, der Junge den Schokoriegel, Isaac öffnete eine längliche Dose mit eingelegtem Fleisch und seine Finger wurden ganz ölig und er leckte sie mit Schmatzgeräuschen ab. Danach, während der Junge geschmolzene Schokolade von der Innenseite der Verpackung leckte, holte er etwas aus seiner Tasche. Der Junge wusste nicht, was es war. Er sah verblasste Buchstaben, die er nicht entziffern konnte, ein seltsames Symbol mit welligen Rändern, dann interessierte es ihn nicht mehr. Die Süße, der Geschmack der Schokolade erinnerte ihn an die Umarmungen, den Mut in den Augen von Minnie C., an ihre Küsse auf seine Wangen, wenn schlimme Träume ihn weckten. Oder das Wachsein zu schlimm wurde. 

»Wir müssen weiter«, sagte Isaac, seine Hände lagen um den Gegenstand und er stierte darauf, als sähe sein Blick etwas, dass dem Jungen verborgen blieb. 

»Warum haben wir es eilig?«, fragte Zach. 

»Weil wir schon zu spät dran sind«, sagte Isaac. 

 

* * * 

 

Nach weiteren Meilen unter einem Himmel voll aufgewühlter Unruhe steckte Carney die Karte zurück in den Rucksack und hätte zufrieden sein können, nur war es nicht wie damals. Die Tasche wog nichts und es war nicht wie damals. Der Wind verkeilte sich in die klammernden Krallen der Äste verdorrter Bäume und das Grau des Tages wich weiter und weiter vor den Schatten der aufziehenden Nacht zurück. Nichts hängt mehr am Leben als das Böse, hatte er mal jemanden sagen hören. Und wenn das stimmte, dann kämpfte die Welt von heute mit allem was ihr übrig blieb gegen jene, die bezeugen konnten, dass sie längst gestorben war. 

»Dort.« Er deutete auf die fehlende Tür und ausgeschlagenen Scheiben eines schuhkartonförmigen Diners. Ein entwurzelter Baumstamm lehnte daran wie ein betrunkener Freund, doch der Bau schien ansonsten unversehrt. »Wir übernachten hier.« 

Er schob den Jungen durch den Eingang und die Dunkelheit verschluckte ihn mit garstiger Gier. Carney sah sich um, bevor er ihm folgte. Lauschte. Strengte seine Sinne an, als entschiede diese Nacht den Kampf zwischen Mensch und … Nichts. Es konnte ein beruhigender Gedanke sein, ganz allein zu existieren. Das Gefühl, die Geborgenheit ganz im Eigenen auszutragen. Doch Carney fürchtete sich zu Tode. 

 

* * * 

 

Er begriff sofort, dass das Herabbrennen der Kerze sie gerettet hatte. Der Qualm des Dochts vermischte sich mit dem muffigen Geruch des Diners, ranziges Fett und gegorene Milch verdickten die Räumlichkeiten. Das Licht der Flamme allerdings hätte die Männer gewarnt, die nun unvorsichtig, schnaufend wie Wildschweine und mit harten Tritten in den Servierraum stapften. Carney vermutete, dass sie zu zweit waren und einer von ihnen eine Öllampe hielt. Schemen gelben Lichts flatterten über die Decke. Carneys Hand lag auf der Brust des Jungen, er konnte sein rasendes Herz spüren. Sie hatten sich hinter dem Tresen in einer Pfütze aus klebrigen Spirituosen aneinander gekauert, beide mit einem gewissen Widerwillen, einer Scheu, der Berührung des anderen nicht auszuweichen. Nun drehte Carney lautlos seinen Oberkörper schützend vor den Jungen, ging in die Hocke und kam ganz nah an sein Ohr. »Leise.« 

Die Männer warfen Metallisches mit einem Scheppern zu Boden, Werkzeug vielleicht, der Junge erschrak. 

»Betsy, zwei Kaffee und ‘n Spiegelei«, rief einer und gluckste. Carney hörte die Polster ächzen und quietschen, als sie sich an einem der Tische niederließen. Ein »Scheiße« folgte. Etwas wurde auf den Tisch gelegt. Carney erkannte das Geräusch. Es war jenes, dass auch sein Revolver machte, wenn er ihn vor sich ablegte. 

»Vergiss den Speck nicht, Schätzchen«, gurrte eine zweite Stimme. »Und für mich nur ‘n Wasser.« 

Ein Lachen, schnarrend und rau. »Wasser. Drüben in Pittsburgh pferchen sie die Leute in die Eisengiessereien und Walzwerke, habe ich gehört, und pressen sie aus. Schweiß, Tränen, Blut, du kannst es dir denken, jeder Tropfen Flüssigkeit, den sie kriegen können.« 

»Und dann?« 

»Versuchen sie es trinkbar zu machen, was denn sonst, was weiß ich denn? Der Sohn Gottes konnte Wasser zu Wein machen. Und wir Menschen versuchen‘s quasi andersrum.« 

»Guck an. Auch ne Möglichkeit, die Wasserkriege zu beenden. Presst die Verlierer aus wie Zitronen.« 

»Und stellst dich für fünf Cent das Glas damit an die Straße, Blutlimonade, frische Blutlimonade!« 

Wieder Lachen. Krachendes, kurz darauf pfeiffendes Kranklachen, das sich mit rumorenden Furzgeräuschen vermischte, als wären ihre Körper löchrige Gassäcke. Dann abrupte Ruhe. 

»Diese scheiß Kriege werden nie enden«, sagte der eine nach einer Weile. »Ich hasse es, die Vorhut zu sein.« 

»Is besser als die Nachhut. Drei Stunden oder so bis Morgengrauen, dann siehst du deine gelieb…« 

Kurz, in dem Moment, als der Junge aufschrie, fragte Carney sich, ob er in eine so falsche Richtung hatte zielen können. Hatte er ihn erwischt? Ein Wimpernschlag blanker Panik, der seinen Puls derart unkontrolliert beschleunigte, dass er mit dem zweiten Schuss verfehlte und einen dritten benötigte. Die Männer sackten zusammen, die Fratzen auf ihn gerichtet glotzten sie ihn an und begriffen nicht. Und das würden sie auch nie mehr. 

»Komm«, sagte Carney, und es stach ihn in der linken Flanke, als er dem Jungen auf die Beine half. »Sieh nicht hin. Halt meine Hand und mach die Augen zu.« Es war jene Hand, die abgedrückt hatte, die er ihm reichte. Doch Carney dachte nicht darüber nach, dass Leben nehmen und Leben schützen einzig von dem abhing, was man festhielt … 

 

* * * 

 

Der Sonnenaufgang der neuen Welt war ein bitteres Lied, zu dem nichts und niemand sang. Das graue Licht eine Melodie des Klagens, dass Unansehnliche nicht der Dunkelheit überlassen zu haben. 

»Warum hast du sie erschossen?«, fragte der Junge. 

»Damit sie nicht uns umbringen. Oder uns Schlimmeres antun.« 

»Woher weißt du, dass sie das vorhatten?« 

»Ich konnte mich nicht darauf verlassen, dass es nicht so ist. Und du hast sie gehört. Es waren mehr von ihnen auf dem Weg.« 

»Sie hätten uns helfen können.« 

»Oder sie hätten uns aufgehalten.« 

»Aber das weißt du nicht.« 

Carney wirbelte herum und die zügellose Bewegung jagte ihm einen Schmerzstich durch die Eingeweide. Der Junge wich vor ihm zurück. »Hör zu. Ein paar Dinge weiß ich. Verdammt nicht viele, aber ein paar. Über diese Welt, und über die alte. Hätten diese Männer uns in der alten Welt geholfen? Möglicherweise ja. Hätten sie es in dieser getan? Möglicherweise nein. Und das genügt mir als Sicherheit.« 

Die feuchten Augen des Jungen glänzten wie die letzten Diamanten, wie der letzte Funke vom Vergangenen inmitten des Drohenden. »Aber …« 

»Du wirst es verstehen«, sagte Carney. »DU wirst es verstehen.« Und diese Gewissheit ließ ihn lächeln vor Glück. 

 

* * * 

 

Der Junge bemerkte, wie Isaac die Bewegung wiederholte; öfter, je weiter sie in die Stadt kamen, die er ihr Ziel nannte. Er klopfte auf seine Tasche. Als würde er jemandem Applaus spenden, der etwas aufgeführt hatte, dass ihm wahnsinnig gut gefiel. Ab und zu begann er sogar zu schlendern, seine Füße federten vom Boden und über die Klüfte der Zerstörung, doch dann griff er sich manchmal an die Seite und stöhnte. 

Der Junge fragte sich, ob Isaac sie auch bekam, diese brodelnden Bauchschmerzen, wenn man sich über ganz Besonderes freute. Sekunden eines Streifens Blau am ewiggrauen Himmel. Eine zweite Decke gegen die Kälte der Nacht. Wenn Minnie C. Geschichten über Tiere erzählte und er nie sagen konnte, ob es sie wirklich gegeben hatte, oder ob sie sich welche ausdachte. Solche Dinge. 

Etwas an Isaacs Stimmung machte, dass der Junge sich ihm näher fühlte. Er hatte diese Männer getötet, ja. Und vielleicht hatte er damit Recht gehabt. Vielleicht war es richtig gewesen. Vielleicht hatte er ihnen das Leben gerettet. Irgendwie sogar denen, die er getötet hatte. Vielleicht war er ein Held. Wie der Mann auf dem Pferd, dieses Abzeichen am Ärmel von Bonnie F. Auch er war sicherlich jemandem zur Hilfe geeilt. Hatte er töten müssen, um zu retten? Der Junge wusste, dass Isaac es oft getan haben musste. Töten. Sie schickten ihn oft fort. Und wenn er wiederkam, war sein Gesicht so … hart. Und seine Hände und die Kleidung voller Blut. Aber … als Held musste er das tun. Um andere zu retten. Dieser Gedanke gefiel dem Jungen. 

Sie durchquerten weitere Straßen, kahl und verwüstet, wateten durch einen graubraunen Fluss, der sich durch die ganze Stadt zu winden schien, aber flach wie eine Pfütze war und dem Jungen nur wenige Male bis zu den Schienbeinen schwappte. Die ganze Zeit wusste Isaac, wohin sie gehen mussten. Das wusste er immer. Deswegen konnte er die Bösen so gut finden und sie töten. Dieser Gedanke machte, dass der Junge sich wohlfühlte. Sicher in Isaacs Nähe. In der Nähe eines Helden. 

Als sie auf einen Pfad abbogen, neben dem auf einer zerwühlten Fläche viele seltsame Steinblöcke schief und teils umgeworfen aus dem Boden ragten, blieb Isaac kurze Zeit später stehen. Schluckte schwer und keuchte einige Male, dass der Junge sich wunderte, ob ihm das Sprechen plötzlich noch schwerer fiel als sonst. »Hier ist es.« 

Zachary betrachtete dieses Hier. Ein schmales Haus mit verrutschten Dachziegeln, es sah aus wie die Gesichter der Alten und Kranken, die nie wieder kamen, wenn jemand sie abholte. Büsche, die ihn an Kritzelbilder der ganz Jungen erinnerten, die auch oft nie wieder kamen, wenn sie zu husten begannen, wucherten auf dem kleinen Grundstück davor. Und, aufrecht und trotzig, stand dort auf einem kantigen Stück Holz ein gewölbter Kasten mit einer Klappe und einem witzigen Fähnchen. Nie zuvor hatte der Junge so etwas gesehen. Isaac trat darauf zu, griff an seine Tasche, dann schien er es sich anders zu überlegen, und der Junge bemerkte, dass er das linke Bein nachzog, als er sich über die tief eingedrückten Pflastersteine bis zu dem Treppchen vor dem Haus schleppte. Dort sank er hin, drehte sich mit Mühe auf den Rücken, lag auf den Stufen und winkte den Jungen zu sich. »Ich bin nur erschöpft«, sagte er in die Stille. 

Unsicher blieb Zachary vor ihm stehen. Hörte er genauer hin, vernahm er ein gedämpftes, gleichmäßiges Quietschen aus dem Haus, als baumele etwas von der Decke. »Was machen wir jetzt? Lebt dort jemand, den du töten musst?« 

Isaacs Gesicht verzog sich, er fletschte die Zähne. »Wie kommst du darauf? Nein, dort lebt niemand mehr. Aber einst hat hier jemand gelebt. Und für diese Person … war das hier.« Er zog das Stück Papier mit den verblassten Buchstaben aus seiner Tasche, hielt es zitternd zwischen Daumen und Zeigefinger. »Das hier.« 

Und er begann zu weinen. Nicht so, wie der Junge es ihn schon hatte tun sehen. Nicht wie er jemals jemanden hatte weinen sehen. »Das hier.« 

»Aber … was ist das?« 

»Ein Brief. Ein Brief, Junge. Der letzte Brief. Und ich war der Bote, der ihn hätte zustellen sollen, bevor all das passiert ist. Bevor der Sturm kam. Bevor das Wasser uns zu verschlucken begann. Darin steht etwas geschrieben, eine Botschaft, verstehst du? Bestimmt für einen anderen Menschen. Das war es, was ich früher getan habe. Den Menschen Botschaften bringen. Worte, die sie hören mussten. So haben wir kommuniziert, wenn wir einander nicht nah sein konnten. Wenn es Sachen auszusprechen gab, die wir uns nicht zu sagen trauten. Wenn wir Trost in der Ferne spenden wollten. Briefe … haben Freunde vereint. Geschwistern in Not geholfen. Abschied genommen. Sie gaben Halt. Das habe ich den Menschen gebracht. Vor dem Sturm. Nach dem Sturm … wollten wir alle mutig sein. Uns wärmen in der Dunkelheit. Aber wir haben versagt. Wir verblassen wie Millionen von Laternen im Schrecken. Vergehen in Stille. Wir sehen kein Licht mehr. Hören keine Worte. Briefe, Worte … waren Licht.« Seine Wangen bebten. Durch die Tränen sah der Schmerz in seinen Augen unendlich aus. »Ich wollte, dass du weißt, dass ich Gutes getan habe. Dass die Menschen gut zueinander waren, für eine kurze Zeit. Dass sie mit Briefen zueinander sprachen, um Gutes zu bewirken. Das ich Gutes getan habe«, schluchzte er heraus. »Erst diese Welt hat mich so schlecht gemacht.« Er reckte den Arm empor. »Stell du ihn zu. Dafür steht dieser Kasten dort. Bring etwas Gutes in diese Welt.« 

Der Junge nahm ihn an, und als der Brief aus Isaacs Fingern glitt sackte die Hand auf seine Brust. Die aufgehört hatte, sich zu heben und zu senken. Wie seine Augen aufgehört hatten, den Jungen zu fixieren. Sie sahen ins Nichts. Blut tropfte unter ihm auf die Treppe. Er war tot. 

Im eisigen Zug der Winde fror der Junge, und fast hätte es ihm den Brief entrissen, der ohne Gewicht auf seiner Handfläche lag. Der graue Frost griff tief, bis er sein Herz erreichte. »Isaac …« Er war allein. Allein. Und doch spürte er das Grau, es griff nach ihm, verzehrendes Nichts. 

Und er hielt das letzte bisschen Hoffnung. 

Trost, hatte Isaac gesagt. Er betrachtete das Papier. Vergilbt. Nur zwei fremde Namen und eine Zahl waren zu erkennen. ‚Lennart Shaw‘. ‚Andrew Jackson Avenue 57‘. Das Symbol in der Ecke mit schwarzen Schlieren darauf. Er erkannte das Motiv nicht. Drehte den Brief. 

Den aneinandergeklebten Verschluss bemerkte er nicht sofort. Er tastete daran entlang. Geschichten von Schatztruhen, die Minnie C. ihm erzählt hatte, kamen ihm in den Sinn. Man musste ihn öffnen. Und das tat der Junge, zog ein Blatt Papier hervor, weiß und sauber. Wirklich, ein Schatz! Er faltete es an den Knicken auf, überflog zunächst nur die Zahlen, die ihm nichts sagten, und die Buchstaben, die Lennart Shaw Gutes gebracht hätten und es nun ihm bringen würden. 

»19. März 1912«, las der Junge. »Letzte Mahnung. Mr. Shaw, wir fordern Sie mit diesem Schreiben ein letztes Mal auf, Ihre überfällige Heizkohlerechnung zu begleichen, andernfalls sehen wir uns gezwungen, unsere Forderung einzuklagen und versagen Ihnen eine weitere Belieferung, sowie Wärme- und Trinkwasserversorgung. Lassen Sie es in Ihrem Interesse nicht dazu kommen.« 

Er hob den Kopf. Den Blick in dasselbe Nichts gerichtet, in das Isaac starrte. Die Welt war kalt und grau. Und wenn sie es nicht immer schon gewesen war, so würde sie es nun für immer bleiben. 

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