- Die neunundzwanzigste Kurzgeschichte aus der Reihe Ereignisse aus Hierroshai zum Hören und Lesen von Dark Fantasy-Autor Chris Jeremy…
»Was führt Euch auf mein Grün und Grund?« Pages Truphall kratzte sich mit der dreizinkigen Harke durch den Bart, aus dem sich Hautschüppchen lösten und herab rieselten.
»Oh, nur eine Formalität«, gurrte der hagere Mann, der wie das Ergebnis eines ausgearteten Streckbankexperimentes wirkte.
»Aha.« Der Bauer verschränkte seine Baumstammarme und lehnte sich gegen den Türrahmen. »Und dafür vernachlässige ich einen ganzen Morgen lang meine Mähruuk-Herde und warte auf Euch, für eine Formalität? Hab ich ein Komma statt hinter der achten hinter der neunten Ziffer meiner Erträge gesetzt? Hab ich eine Vier zur Fünf oder direkt zum nächsten Zehner aufgerundet, oder was?«
Der Mann lächelte, blieb in einigem Abstand auf dem Pflasterweg zu Truphalls Haus stehen und nahm seine Ledertasche vor die Brust. »Bei aller Spitzfindigkeit, mein Herr, das wären schon keine Formalitäten mehr, das wären schwerwiegende Verstöße.«
Nicht so schwerwiegend wie ein Fauststoß unter dein Kinn, dachte Truphall, blieb aber freundlich. »Dann zögern wir nicht lange rum«, schlug er vor. »Nennt sie, Eure Formalität.«
Der Mann lachte auf, und etwas an diesem Lachen ließ die Härchen in Truphalls Nacken wie die durchtrennten Glieder von Stintwürmelingen tanzen … »Mitnichten sind die Formalien meine Angelegenheit, doch sehr wohl die meiner geschätzten Auftraggeber.«
»Nun rück raus damit, Mann. Meine Tiere geben keine Milch, wenn ich ihnen bloß freundlich aus der Ferne zuwinke.« Mit zu Kreisen geschlossenen Daumen und Zeigefingern ahmte er die Melkbewegung nach.
»Keine Helfer zugegen, dieser Tage?«, wunderte sich der Mann, und etwas in seiner Stimme verriet, dass er sich nicht im geringsten wunderte. Mochte sein, dass Truphall sich besser mit Viehdung als mit zweibeinigem Verbalschiss auskannte, aber der Taschenträger konnte oder wollte wenig Hehl aus seiner Hinterhältigkeit machen.
»Der heiße Brei ist rasch am Abkühlen«, knurrte der Bauer. »Und dann schmeckt er mir nicht mehr. Sagt an. Steht ein Zaun zu nah an Nachbars Felde? Steigt der Rauch meines Kamins in zu steilem Winkel auf und beinträchtig die Aussicht irgendeiner meckernden Bergziege?«
»Oh betrachtet Ihr solche Banalitäten wirklich als Angelegenheit von Kolius und Kornmong?«
Er hatte wieder begonnen, sich damit an den juckenden Stellen rumzuschaben, und nun hätte sich Truphall die Harke beinahe in den Hals gestochen. »Ko– … Kolius und Kornmong? Ihr … Ihr seid kein Statuswart der Zahlen- und Messbehörde?«
»Mitnichten«, schnalzte der Mann. »Mein Name ist Arkhemis Hentbrandt, rechtlicher Berater von Kolius und Kornmong, im geschäftlichen wie im privaten Sektor.«
Truphall machte zwei Schritte auf ihn zu und als er die Harke anhob schwollen auch die Erinnerungen an wie düstere Geschwüre. »Ich habe alles getan, mich an jede Vereinbarung gehalten, alles unterzeichnet, was Kolius und Kornmong mir vorgelegt haben, ich habe über alles geschwiegen, was in dieser Nacht in Hutanvayunka geschehen ist!«
»Korrekt.« Arkhemis Hentbrandt blieb vollkommen ungerührt. »Und meine Klienten danken Euch dafür. Niemand wäre mehr auf Euch zugekommen, allerdings – nun, die Hutanvayunkari machen ihr eigenes Recht geltend. Der Mann, der in jener Nacht vor Euren Stallungen verstarb, war wohl ein recht essentielles Mitglied ihrer rüden Gesellschaft.«
»Dieser Wahnsinnige?«, prustete der Bauer. »Den konnte nur noch der Tod erlösen! Der hat einen von uns ausgeweidet. Der war kein Geschöpf Giffeyasuhls mehr …«
»Kolius und Kornmong sind mit Eurer Aussage vertraut, ebenso die Hutanvayunkari. Nur lässt die Kette der Ereignisse sich leider auf zweierlei Art deuten, und der Stamm des Herrn Fraccthür Pemchacazacuq zieht es vor, den ihren als das Opfer dieser Ereignisse zu betrachten.«
»Und was wollen sie jetzt?« Truphall ließ die Harke in der Hand kreisen, wollte den Eindruck machen, als wäre er bereit, die Hochplateaus der Hutanvayunkari im Alleingang zu stürmen. In Wirklichkeit hatte er eine Scheißangst. »Silberrand? Vieh? Meine Familie und Arbeiter, die mich einen feigen, verkommenen Dreckskerl geschimpft haben und abgehauen sind? Was wollen diese Wilden?«
»Blut, fürchte ich«, erwiderte Arkhemis Hentbrandt völlig unbewegt. »Eures, versteht sich.«
Truphalls Harke flog ihm aus den Fingern, beschrieb einen Bogen und spießte schließlich mit einem Schmatzen einen Salatkopf auf, der aus dem Boden lugte. Sprenkel von Blütensprossen und Flüssigkeit stoben empor.
»Hmm, ja, exakt, etwas in der Art«, sagte Arkhemis Hentbrandt mit einem energischen Nicken.
»Was unternehmen Kolius und Kornmong, um mich zu schützen?«, verlangte der Bauer zu erfahren, während ihm das Schlottern seiner Beine den Arsch zusammen klemmte.
»Nichts, natürlich.«
»Was soll das bedeuten, nichts?«
»Nun, in diesem Fall handelt es sich wohl um einen Ausdruck der Untätigkeit, mit dem eine irrtümlich vorausgesetzte Annahme negiert wird, nämlich dass Ihr eine Form von Beistand zu erwarten hättet.«
»Aber, Ihr sagtet doch … da wäre eine Formalität. Ich habe geholfen, alles zu vertuschen … Was mit den Tieren geschehen ist … diese Seuche … die Toten … ich habe alles verloren … und das ist der Dank?«
»Ah.« Arkhemis Hentbrandt fischte einen Stapel gebundener Papiere aus seiner Tasche. »Die Formalität, oder der Dank, wenn Ihr so wollt, besteht in diesen Vertragsunterlagen, die alles Kleingedruckte, jeden sekundären Vermerk und jede Marginalie, aus den bisherigen Verträgen zwischen Euch und Kolius und Kornmong in bindender Form fusionieren, um Euch die Klarheit zu gewähren, dass Kolius und Kornmong weder als Organisation, noch als Personen des Privatrechts einer unterstützenden Verpflichtung nachzukommen haben, solltet Ihr Euch eventuell oder auch nicht im Konflikt mit den Hutanvayunkari wiederfinden. Unangenehm, dass diese Eventualität nun scheinbar eintritt«, er hielt den Vertrag in Truphalls Richtung, »und unser Bedauern könnte kaum größer sein.«
»Was ist mit Aeozoss?«, krächzte der Bauer.
Der Rechtsberater schürze die Lippen und schüttelte den Kopf, bettete den Vertrag auf einen Karren mit Gnulfikürbissen, als sein Gegenüber keine Anstalten unternahm, danach zu greifen. »Die Statusrichter und Justiziare der Hauptstadt bleiben gemäß Vertragsinhalt Paragraph Neunzehn Absatz Sechsundzwanzig außen vor. Seid versichert, es ist mehr Flavbranntgeprägtes geflossen, als Ihr je aufbringen könntet, um jemanden in Aeozoss aus der neutralen Position der ‘Valej-Recht vor Sichel-Recht’-Klausel zu bewegen.« Er lachte auf als handle es sich um einen besonders gelungenen Kneipenscherz in heiterer Runde.
Truphall stand da, steif wie vom eigenen Rückgrat in den Boden gepfählt. »Ich habe alles verloren«, wiederholte er. »Alles verloren. Ich habe alles vertuscht … alles unterschrieben … und alles verloren.«
»Nun«, sagte Arkhemis Hentbrandt leichthin, klemmte sich seine Tasche unter den rechten Arm und wandte sich zum Gehen. »Dann dürfte das Sterben auch nur noch eine Formalität sein, nicht wahr?«



