Eine Gesellschaft,
die von einem Jäger abhängt,
hängt von seinen Methoden ab.
Ein Jäger,
der von seiner Gesellschaft abhängt,
hängt von seiner Moral ab.
Alte Redensart unbekannten Ursprungs
»Ausgeweidet«, knurrte Fraccthür, balancierte den abgewetzen Dolch auf seinem rechten Knie aus und grub das linke tiefer in den müden Boden, der wie ranziger Teig nachgab. Hinter ihm, und der knochige Jäger vernahm es mit einer Mischung aus Schadenfreude und Groll, kotzte der Jüngling mit Würgen und Jaulen hinter ein Gebüsch. Immer wurden sie ausgerechnet ihm mitgegeben, die Weichen, die Zarten, die, die noch nicht bereit waren und es vielleicht nie seien würden. »Das erwärmt einem die Pumpe«, raunte er, schob einen Lappen zerfetzten Fleisches zur Seite, um zwischen den verbliebenen Gedärmen des Tieres nach weiteren Spuren zu suchen. Dann, lauter: »Alles in Ordnung da hinten?«
»Ja-haa«, drang zögerlich die Antwort hinter dem Busch hervor.
»Is bloß ein totes Basdag, Jungchen. Bisschen weniger fachmännisch ausgenommen, als man es sich wünschen würde. Gewöhn dich dran. Könnte bald schon deine Aufgabe sein.« Fraccthür grinste sein schäbigstes Grinsen, als der Jüngling erneut hinter dem Busch zusammenklappte, kotzte, nach Atem rang, weiter kotzte. Wieder und wieder bat er die Mütter, ihm ihre Bengel mit leeren Mägen zu schicken, wieder und wieder taten sie das Gegenteil, hätschelten und fütterten sie besonders fett für den Morgen, hier noch ein Pastetchen, da eine Magolabi mehr und zur Mittagszeit landete alles hinter Büschen, auf Felsen, im Dickicht.
An ausgebluteten Schlagadersträngen tastend blähte Fraccthür die Nasenflügel auf. Die Überreste des Basdag verströmten einen Geruch von süßlicher Montisfrucht und Eisen. Und vielleicht ‒ noch etwas anderes. Obwohl der Torso längst von Insekten und wimmelndem Gewürm bevölkert war, sich das gesamte Blut auf den Boden ergossen hatte und von diesem aufgesogen worden war, strahlte das Tier Wärme ab. Fast als hätten die paar übrigen Organe eben noch pulsiert. Doch Fraccthür schätzte, dass es das Basdag noch vorm Aufgang der Sonnenringe erwischt haben musste, spätestens während der frühesten Morgendämmerung, wenn Karbashyalinth sich die Nacht aus den Augen rieb und Hierroshai erhellte.
»Willst du dich jetzt mal hierher bequemen und dir das ansehen, Jungchen? Es ist nicht unbedingt ‘ne zweite Meinung nötig, aber was daraus lernen kannst du immerhin.«
Der Gesichtsausdruck des Jungen sagte etwas anderes, doch er quälte sich ein »Ja« heraus, nachdem er hinter dem Busch aufgetaucht war.
»Ist schwül heute«, bemühte sich Fraccthür um seinen väterlichsten Ton. »Da kann es einem schon hochkommen.« Das war selbstverständlich blanker Unsinn. Tief im Dschungel ihres Valej, unter den glimmergrünen Zehnfinger-Blattwerken der S’stri-Bäume, war es zu jeder Stunde jeden Tages schwül und der Junge mochte die Hochplateaus noch nicht oft verlassen haben, sicher aber oft genug, um nicht witterungsempfindlich zu reagieren. »Was solls«, murmelte er, nahm das Messer von seinem Knie und erhob sich. »Wie war noch dein Name, Jungchen?«
»Attanac«, gab er an, als wäre er sich dessen kaum sicher. »Attanac Ibensan.«
»Attanac. Lantata Ibensans Junge, was?«
Er nickte und trat näher. »Vierzehntes Westplateau. Hinter … hinter den Gulhem Mundu’ur«
»Sieh an.« Fraccthür wirbelte das Messer zwischen den Fingern und ließ es in die Scheide an seinem Oberschenkel schnellen. »Ein ordentliches Stück Weg. Wie viele Plateaus und Brücken musstest du hinter dich bringen?«
»Siebzehn insgesamt. Ich bin am gestrigen Tage aufgebrochen, um Euch zeitig zu erreichen. Die Nacht habe ich in den Maluan Pulpasay Eures Plateaus verbracht.«
»Spricht nichts gegen die Offenen Gruben, wenn nicht zu viele dort auf irgendetwas warten.«
Hastig bejahte der Junge, nahm einen tiefen Zug feucht-klammer Luft. Die lose, einschultrige Tunika klebte von Schweiß durchnässt an seinem Bauch. Mit einem Schmatzen unter den Sandalen blieb er an Fraccthürs Seite stehen. Der Jäger stellte ihm mit ausladender Geste und halber Verbeugung den aufgerissenen Leib des Basdag vor. Das Tier lag da, groß und sperrig wie ein auf die Seite gekippter Obstkarren. »Schon mal eines geritten? Wenn es sich in aktiverem Zustand befindet, versteht sich?«
»Nein.« Attanacs Blick leerte sich wie zuvor sein Magen, wich einem starren Dauerblinzeln. »Mein … mein Vater und mein Bruder sind … sind Basdagreiter. Mich lassen sie noch nicht.«
»Hm«, machte Fraccthür. »Mancher pflegt sie zu reiten, bevor er sie zu erlegen lernt, mancher handhabt es anders herum. Nur bei dem hier sind wir eindeutig für beides zu spät dran, was?« Er klatschte seine flache Hand auf Attanacs blanke Schulter, wie zu erwarten erschrak der Jüngling. »Und, da will ich ganz ehrlich mit dir sein, auch wenn das deinen Kotzreiz kaum lindern dürfte: Dem hier ist etwas zugestoßen, dass mir ein paar Sorgen bereitet. Sorgen von der Sorte, bei der sich mir die Frage stellt, ob es eine gute Idee ist, einen unerfahrenen Burschen wie dich dabei zu haben.«
Attanac schluckte hörbar und aus dem Blinzeln wurde ein Glotzen.
»Andererseits«, betonte Fraccthür und knetete dem Jungen die angespannte Nackenmuskulatur, »hält mich deine Gegenwart womöglich von der garantiert dummen Idee ab, diesen Sorgen auf den Grund zu gehen. Was wohl für uns beide von Vorteil wäre.«
»W-worum sorgt Ihr Euch denn?«
»Wovor ist die angebrachtere Frage. Was geht dir durch den Kopf, siehst du dir dieses Basdag an? Unabhängig vom Standort des nächsten Busches?«
»Das es … tot ist.«
»Hervorragend beobachtet. Und nun: Noch etwas genauer.«
»Das es … getötet wurde?«
»Sehr richtig.« Fraccthür ließ den Jungen los und dessen Körper flatterte wie ein Wäschestück, das beim Trocknen von der Leine rutschte. »Und sicher treiben sich in den Dschungeln von Hutanvayunka ein paar Kreaturen herum, die ein Basdag erlegen können. Bei einem ungünstigen Tritt gelingt das sogar einem Rizoezo. Giftstacheln.« Er piekste Attanac in die Seite. »Aber ‒ das hier. Hier war etwas ganz und gar Wildes am Werk, Jungchen. Etwas, das zuerst aus Wut und nicht des Hungers wegen getötet hat.«
»Wo-woran erkennt Ihr das?«
Fraccthür grinste breit, enthüllte zwei Reihen lehmbrauner, glatt geschliffener Idunenholzzähne. Der Junge wollte die Antwort überhaupt nicht wissen. Er fühlte sich bloß verpflichtet, danach zu fragen. War wahrscheinlich so, wenn sie einen mit dem berühmtesten Jäger der ganzen Stammeswirtschaft losschickten. Der Respekt forderte Interesse. Dabei hätte Fraccthür Pemchacazacuq es nicht minder respektiert, wäre der Bengel in den geöffneten Schoß seiner Mutter geflohen. Was brachte sie schon, die Jagd, sobald die jungfräuliche Furcht und die erste Aufregung verflogen waren, es zur Gewohnheit wurde, Leben selbstverständlicher zu nehmen, als noch um das eigene zu fürchten? Dankbarkeit, Stand, Respekt? Wogen nette Worte und Bekundungen ihn auf, den Verlust seiner Zähne, die zwei abgetrennten Finger an der linken Hand, den abgebissenen linken Fuß, an dessen Stelle sie ihm ein blausilbriges Gebilde aus Gant-Epik in den Unterschenkel gebohrt hatten? Meist genügte der Tagesfang, um Münzen für die Begleichung seiner Schuld bei den Gantlingern zurückzulegen und die Pflegerin zu bezahlen, die den Stumpf und aus purer Güte auch seine anderen Narben und Blessuren versorgte, die langwierigen wie die kurzfristigen.
Doch sobald er nicht bereit war, Tiere über Bedarf zu töten und die täglichen Einnahmen nicht genügten, erhoben die Gantlinger Verzugszinsen und die Pflegerin musste ablehnen. Fraccthür sich selbst mit Tinkturen und Ölen versorgen, um wenigstens einen Bruchteil der Nacht lang Schlaf zu finden. Die übrige Zeit starrte er zu den Doppelmonden Eschato und Aschano empor, erwiderte Karbashyalinths Blick und fragte sich, ob der Lichtverleiher seiner Hohentaanin, ihrer aller Mutter, Bericht erstattete, wie sich ihre Schöpfung selbst im Frieden der Nacht noch abzumühen hatte. »Bist du gläubig?«, fragte Fraccthür geistesabwesend. »Denkst du, Giffeyasuhl beschützt uns, Jungchen?«
»Nein und nein«, erwiderte Attanac, und der Jäger war erstaunt, mit welcher Entschlossenheit der Bursche plötzlich sprach. »Vater sagt, sie lacht über uns. Verspottet unsere Mühen und labt sich an unserem Scheitern und unseren Verlusten.«
»Hm. Kann schon sein. Da hat sie reichlich zu laben, an einigen von uns. Hier jedenfalls«, er trat einen Schritt auf das ausgeweidete Basdag zu, »war etwas ganz und gar Unheiliges am Werk. Unheilig genug, um nicht von Giffeyasuhl geschickt zu sein.«
Attanac presste eine Faust gegen seine hagere Brust. Weiß mahlten die Fingerknöchel unter seiner gebräunten Haut vor und zurück. Mehr Schweiß auf seiner gekräuselten Stirn, als das Wetter ihm ohnehin aus den Poren zwang.
Beinahe hätte Fraccthür ihn ermutigt, in Panik zu geraten und einfach zu verschwinden. Das nächste Hochplateau ragte anderthalb Meilen nordwestlich von ihnen auf, er konnte sich in den Vasocar Purtapasay versteckt halten und auf Fraccthürs Rückkehr warten, um sich nicht die Blöße des Versagens zu geben. Beinahe hätte Fraccthür dem Jungen dies vorgeschlagen. Doch dann fuhr er fort: »Siehst du, wie unpräzise und grob das Fleisch am Unterbauch aufgerissen ist? Überall Wunden ohne Sinn, zugefügt in rasender Wildheit. Der untere Hals dagegen ‒ sieh hin, Jungchen, sieh hin! ‒ kein Anzeichen, dass der Angreifer ihm an die Hauptschlagader wollte. Das Genick, unberührt. Jeder Wirbel sitzt, wo er hingehört.« Der Jäger erklomm eines der dickhäutigen Hinterbeine des Basdag, verankerte seine Fußklaue aus Gant-Epik zwischen einer Spur aufgesprungenen Fleisches und hielt sich am äußeren Wulst des Schuppenpanzers fest. »Der Rücken, die Panzerung ‒ unversehrt. Das soll sie natürlich auch sein, wozu sonst eine Panzerung, was, Jungchen? Aber für gewöhnlich bringt das Basdag seine Schuppen zwischen sich und den Angreifer und es lassen sich Kratzspuren und Kerben ausmachen, Rückstände von Klauen oder Horn.« Er klopfte gegen den Panzer, plong plong pong png, dumpfer, je weiter er dabei die Hand senkte. »Es wurde gerammt, umgestoßen, unerwartet, keine Zeit zu reagieren, tief in den Boden gedrückt, mit einer Gewalt, die ich mir nicht vorstellen mag. Ganz und gar nicht. Na ups, habe ich das laut gesagt?«
Das hatte er wohl, denn Attanac wankte und wich zurück, einen Schritt, zwei Schritte, sein Körper von den Beinen aufwärts ein Schlottern, als wäre er aus Ästchen zusammen gesteckt.
Fraccthür beobachtete ihn, tief im Schädel seine Augen, halb gesenkt die Lider, die Wangen des Jägers angespannt und verhärtet. Vorm satten Grün der S’stri-Fahne und Banyabeeren-Sträucher hob das Jungchen sich ab wie eine unruhig zuckende Flamme gegen den Nachthimmel, seine schnalzenden Schritte unterbrachen das unablässige Wimmseln und Fiepen und Zwitschern von Vögeln und Kriechviechern kaum. Der Dschungel schien ihn zu verschlingen, je magerer und unscheinbarer er sich zu verstecken versuchte vor dem, was darin lauerte …
»Glaubt Ihr, das Tier, von dem es angegriffen wurde … glaubt Ihr, es ist noch in der Nähe?« Seinen Worten gelang es fast nicht, durch das Rauschen der Umgebung zu dringen.
Der Jäger sah sich um. Mit einem Blick, der jenen sämtlicher Kreaturen Hutanvayunkas bereits erwidert, der jeden Strauch hatte sprießen sehen, schweifte er über Ranken und Wucherungen. Alles wirkte unberührt und doch überquellend vor Leben, so ursprünglich, wie Mutter Giffeyasuhl es geschaffen hatte, konserviert in einem emeraldierten Knistern. Dann wies Fraccthür mit dem Kinn in eine Richtung im abknickenden Osten. Und ließ eine Ahnung von Unheil mitschwingen, als er sagte: »Dort. Dort ist es lang gekommen. Guck nicht auf den Boden, Jungchen, die Erde in diesem Gebiet erzählt dir nichts, ist wie ein Schwamm, senkt sich bei Kontakt, hebt sich wieder. Nein, dort. Abgeknickte Äste zu beiden Seiten, siehst du? Dem S’stri ein paar seiner Finger ausgerissen. Es ist dort durchgebrochen. Rasend schnell, würde ich meinen. Zu schnell für das Basdag, um reagieren zu können. Nun sind Basdag, und so viel wirst du immerhin wissen, ohnehin nicht die schnellsten, wenn es ums Reagieren geht. So, wie diesem hier die Gucklöcher stehen und in welchem Winkel es die Schnauze hält ‒ dürfte es seinen Angreifer zumindest noch gesehen haben, was?«
Attanac sagte nichts und das rechnete der Jäger ihm an, denn als Frage hatte er es sowieso nicht gemeint. Fraccthür hielt sich weiter an der geschuppten Panzerung des Kadavers fest und langte mit den drei Fingern seiner anderen Hand an seine Hüfte. Löste eine winzige Phiole aus einer ganzen Reihe winziger Phiolen von seinem Gürtel und schnippte den Korken ab. »Cognanasti«, erklärte er die trübe, grau-lilane Flüssigkeit. »Schärft die Sinne. Beruhigt die Nerven.«
»Miyr… miyrdagisch?«
»Ja«, brummte Fraccthür und verzog die Mundwinkel. »Ist nicht voreilig abzutun, was die Ira’ghane in ihren Toten Gärten mischen.« Und damit setzte er die Phiole an die Lippen und kippte das Gemisch in einem Zug und ohne es mit der Zunge zu berühren den Schlund hinab.
»Woher habt Ihr das?«
»Man kommt an so einiges, wenn einen ständig Schmerzen plagen. Da vertraust du nicht lange auf taangebildete Heiler und ihre Mittelchen. Die machen dich höchstens dünn im Kopf.«
»Vater sagt, die Ira’ghane …«
»Jungchen«, unterbrach Fraccthür ihn, die Augen aufgerissen, die Nase gebläht, als wollte er jeden Eindruck um das doppelte seiner Intensität aufsaugen, »das bedeutet bald schon weder ihm noch dir irgendwas.« Die Arme gespannt wie eine Bogensehne schwang der Jäger sich in einem einzigen Satz hinter den Leib des Basdag, hangelte sich behände an der Panzerung entlang, Zehenspitzen und Fußklaue nutzend, um Halt zwischen den Schuppen zu finden.
»Wie w-wie meint Ihr das?«
Fraccthür senkte den Kopf tiefer, nur noch seine acht Fingerkuppen, Augen und Stirnfalten lukten hinter dem gerissenen Tier hervor. Seine Haut wurde grau und seine Gedanken unerbittlich. Irgendwo in seinem Hinterkopf hörte er, wie jemand seinen Namen brüllte. »Fraccthür! Fraaaccthüüüürrrr!« Abermals. Abermals. Er blendete es aus, wie er einen juckenden Insektenstich mit einem Kniff seiner Fingernägel besänftigte. Lauschte auf den Dschungel. Das Rauschen der S’stri-Blätter. Über ihm. Das Trommeln von Laubwerk, als es durch walzende Schritte in Bewegung geriet. Unter ihm. Zischen. Rasseln. Bewegungen, überall. Aufgescheucht. Attanac, der die Unruhe fühlte, in sich, um sich. Fraccthür konnte das Blut des Jungen in dessen Adern rauschen hören. Ein Klicken, ein blubberndes Schmatzen. Kiefer, gierig. Ein Trampeln.
Dann brach es aus dem Dickicht hervor und Fraccthürs Atmung flachte bis kurz vor Stillstand ab, als er beobachtete. Beobachtete, wie dem Jungchen keine Zeit zu reagieren blieb. Weil es dafür bereits seit Minuten zu spät war. »Viel zu spät«, wisperte er und der ölig-bleierne Geruch seines Atems schlug ihm vom Panzer des Basdag zurück in die Nase. Er nahm ihn auf, es war ein Kreislauf, wunderbares Cognanasti. Die Bestie war nicht groß. Nicht einmal ausgewachsen. Und nicht einmal eine Bestie, wie der Jäger feststellte. Jedenfalls nicht ihrem Ursprung, ihrer Natur nach. Doch das änderte nichts daran, dass sie wie von der Verankerung entbunden auf den erstarrten Attanac zu hetzte und ihm mit Klauen das rechte Bein vom Körper riss, die eigentlich dafür gemacht waren, die schmackhafte Rinde von Usilempa-Palmen abzuschaben. Hm, das Jungchen schrie nichtmal, als es stürzte. Blut quoll aus dem Oberschenkelstumpf wie ausgepresster Fruchtsaft, doch der Angreifer gab sich nicht mit dem Bein zufrieden, schleuderte es von seiner Pranke und es landete mit einem Platschen im Unterholz. Noch bevor der nutzlose Klumpen Fleisch aufschlug war das Tier über Attanac, zerschindete seinen Bauch und ein frischer Regen von Blut und Eingeweiden ergoss sich über den mulchigen Boden.
Fraccthürs Stirn schälte sich in vier, fünf Faltenwülsten. Das Jungchen war hinüber und von irgendwoher scholten ihn die Klagerufe, »Fraccthür! Fraaaccthüüüürrrr!«, aber wessen wollten sie ihn schon schuldig erklären, im Valej Hutanvayunka passierten an diesem jungen Tag größere Dinge als der Tod eines Jungen, so viel war inzwischen klar. Ganz und gar klar.
***
»Ganz und gar tot«, murmelte der Jäger, als er über Attanacs zerfetzter Leiche stand. Unterhalb der Brust hatte das Tier den Jungen in zwei Hälften geteilt, erst ab Schwanzhöhe war wieder so etwas wie ein Körper zu erkennen, doch dann rückte auch schon der ausgefranste Oberschenkelstumpf ins Bild und wenn Fraccthür es nicht gewusst hätte, wäre kaum klar gewesen, ob das überhaupt alles Teil des selben Menschen war. Derartig wild und wütend war der Sohn von Lantata Ibensan filetiert worden. Für so viel rohe Gewalt hatte Fraccthür keinen Funken Bewunderung übrig, aber jede Menge Neugierde. Abseits von seiner weiterhin bestehenden Sorge. Nicht um sein Leben, schließlich wusste er nun, womit er es zu tun hatte. Eben dieser Umstand jedoch warf Fragen auf. Jede Menge Fragen.
Für Attanac konnte er nichts mehr tun. Dem konnte er bloß für seinen Anteil an den ersten paar Antworten danken. Half dem Jungen natürlich nichts mehr, den der Totenstrom längst mitgeschleift hatte und der nun in ewigwährendem Leid verdammt war, um die äußere Sphäre Hierroshais getrieben zu werden. »Scheiß Schicksal. Gib dich damit zufrieden, dass es auf uns alle wartet«, sagte er in Attanacs leeres Gesicht, ins Weiß seiner verdrehten Augen. Kurz überlegte er, ihm das Ankermal aus der Schulter zu schneiden, nun, da es nutzlos für seinen Halt an der Verankerung war. »Ganz schön schade, es zurück zu lassen.« Genau dafür entschied er sich schlussendlich. Ein losgelöstes Ankermal konnte man auf den richtigen Märkten zu gutem Gewinn machen ‒ aber Attanacs Ableben würde für seine Familie schon unangenehm genug werden, nahm er an. »Fraccthür! Fraaaccthüüüürrrr!«
»Ja ja«, antwortete er niemand bestimmtem. Oder ihnen allen zugleich …
***
Eine Dreiviertelmeile, schätzte Fraccthür, war er der Spur des Tieres gefolgt. Es gab sich keinerlei Mühe, sie vor ihm zu verbergen. Es war kein Jäger, der Rhythmen und Manierismen folgte. Nein, es war eine Kreatur, die etwas aus den Mustern ihres natürlichen Verhaltens getriezt hatte. Eine Krankheit? Gift? Der Schnitt eines C’wususi-Stengels, bloß unter die oberste Hautschicht gedrungen, konnte wochenlange Halluzinationen hervorrufen. Die Bisse und Stiche eines ganzen Schwarms Lubambanissen ließen ein Basdag schwanken wie einen abgefüllten Trunkenbold.
»Kam’drüür«, murmelte Fraccthürr vor sich hin, während er seine Fußklaue um einen so dünnen wie massiven Busibusi-Stamm hakte, sein Gewicht verlagerte und über einem steilen Abhang pendelte, »Kam’drüür.« Die Dschungel von Hutanvayunka hatten unzählige gierzende und fiepsende Möglichkeiten, den Verstand zu trüben, aus Grün Blau und aus Gewissheit Rätsel zu machen. Doch heute, das spürte Fraccthür, ging etwas vor sich, das nicht als unscheinbarer Film an Blütenspitzen hing oder als Speichelinjektion über ein Stechborstenbündel im Organismus landete.
Die Härchen an seinem abgewinkelten Unterarm richteten sich auf, als ein Windgesang aus dem Tal etwa einhundertfünfzig Fuß unter ihm ihn erfasste. Der Jäger sah hinab auf wogende S’stri-Kronen, beobachtete ihr Fingerspiel und die Richtungswechsel ihres Schwanks, als die Brise und der Druck auf die Stämme darum stritten, in welche Richtung die Bäume sich neigen sollten. Das wilde Tier war dort unten. Dolzte seinen Körper von einem S’stri zum nächsten, durcheinander, verwirrt. Und gefährlich, wie Fraccthür nur allzu deutlich hatte erleben können.
Der Stand der Sonnenringe hatte sein Nachmittagsbrennen erreicht und Fraccthürs Schweiß tropfte ihm von der Stirn in das Tal. Er entspannte das Bein mit der verhakten Fußklaue etwas, um das andere leicht umpositionieren, sich über seine rechte Schulter drehen zu können, um den Blick weiter nach Südwesten zu richten. Dort, in der Sättigung seines Grüns kaum vom Dach des Dschungels zu unterscheiden, erstreckte sich auf eine halbe Meile Sicht einer der Sabajusa-Seen, die sich aus den unterirdischen Quellvorkommen rund um die Hochplateaus speisten. Algenteppiche und Schwärme opalgrüner Peipwa färbten das an sich klare Wasser und Fraccthür kniff die Augen zusammen, als der See in leichtem Wellengang an einer schmalen, von Muscheln übersäten Strandkante leckte. Dorthin war das Tier unterwegs, zweifellos von Durst getrieben, vom Wahn immerhin nicht sämtlicher Instinkte und Bedürfnisse beraubt.
Fraccthür pflückte einen kleinen, hölzernen Trichter von seinem Gürtel, schob ihn ins Ohr und ließ seine Holzzähne aufeinanderknallen, klack klack klack klack, echote es über das Tal. Der Dschungel antwortete. Röhrend, zischelnd. Er verschob seinen Unterkiefer, aus dem klack klack wurde ein klonk klonk und zur Erwiderung kam ein kruuuu-chiiiiiii ji ji jiiiii, das der Jäger mit Hilfe des Trichters nahe der Seekante ortete, dort, wo das Gewässer sich dem Plitschen und Platschen nach in ein Kieselbächlein verlief. Er vernahm die Lautfolge mehr als nur ein Mal, er vernahm sie sich überlagernd, tief und gurgelnd das Männchen, spitz und flitterig die Jungtiere. Eine Familie von Xikia-Ti. Kleine Weiher- und Tümpelwirbler, Schlickmuldler. Harmlos. Fraccthür spreizte die Lippen weit auseinander, dass es ihm die Wangen gegen die unteren Augenlider presste und er wie vom Irrsinn befallen aussehen musste, und nach klacks und klonks gaben seine Zähne ein glick-kick-kick von sich, während er den Trichter ausrichtete.
Ein lohendes Brüllen, im Klang dem Darben einer entsetzen Mutter ähnlich, nur viel aggressiver und in den Gedanken bei Vergeltung angelangt, borst aus dem Zentrum des dicht bewachsenen Tals. Ein Bereich, den das Tier, dessen Fährte Fraccthür verfolgte, weit umtölpelt hatte, soviel verriet ihm die anhaltend wankende Spur der S’stri, die sich weiter dem See entgegen schob. »Was ein Segen für dich, was?«, grunzte er und steckte den Trichter zurück an seinen Platz, zog sich mit der Fußklaue zurück auf das Plateau.
Zufrieden damit, sich eine Ahnung verschafft zu haben, was im Tal lauerte und wanzte, schien es ihm dennoch nicht angemessen, sich in Erleichterung zu suhlen. Dass die außer Kontrolle geratene Kreatur das Revier und möglicherweise die Landlaichgrube eines Lymenrax hatte meiden können, war gut. Ganz und gar gut. Solange er nicht wusste, was die Raserei des Tieres verursachte, die ein Basdag und einen Attanac gekostet hatte, sollte es besser nicht auf ebenbürtige Gegner treffen. Was, wenn Blut den Wahn weitergab? Ein Lymenrax es verletzte und selbst zum Träger einer solch ungebändigten Wut wurde? Lymenraxe, die beim Scheißen und Pissen abgestandenes Blut aus ihrem Kreislauf absonderten, von dem sich Fäkalienfresser ernährten? Der Wahn würde sich ausbreiten, unkontrolliert. Der Kreislauf von Leben und Tod ist immer auch der des Verhaltens, wie die Alten und Narrgreisen auf den Hochplateaus zu sagen pflegten. Doch zumindest in dieser Weisheit schwang jede Menge Wahres mit, das gestattete Fraccthür ihnen.
Welchen anderen Schluss sollte er also ziehen, als den, die Kreatur aufhalten zu müssen. Fraccthür zuckte mit den Schultern, schob die Unter- über die Oberlippe, als würde er seine Nunu anschmollen, und hob den verkniffenen Blick gen Sonnenringe. »Wäre das nicht eure taanverfluchte Aufgabe?«, raunzte er Karbashyalinths Wärmespendern zu. »Euer schönes Hierroshai sauberhalten?« Einen Prediger der Niedertaane hatte Fraccthür einmal behaupten hören, Giffeyasuhl und ihr Gefolge vernahmen jedes Wort, das man an sie richtete. Aber Wahn kannte eben viele Formen …
***
Im Tal um den See herum war der Boden krustiger, der Jäger musste seine Schritte vorsichtiger setzen. Tiere, die zwischen Wasser und Land wechselten, schleppten Kiesel mit in den Dschungel, bronzefarbene Schalen von Tutipakrabben, denen sie das Fleisch vom Bauch abgekaut hatten, und zertrampelte, gehärtete Häute von Viborasi und anderen Schlänglern lagen überall verteilt, spitz wie zerbrochenes Geschirr. Jungtiere ernähren und sich bis zum nächsten Gebärzyklus bei Kräften halten, mehr taten manche dieser Landgänger nicht. Nahrung spenden, ehe man selbst zur Nahrung wurde. Fraccthür grinste, dass ihm die Ohren davon schmerzten. Er hielt es für vermessen, überhaupt mehr vom Leben verlangen zu wollen. Du beginnst, du endest. Wie schnell, das ist nur einer Frage der Größe des Maules, das nach dir schnappt. Das brachten einem der Dschungel und seine Bewohner zuverlässiger bei als jede Mutter …
An einem dicken S’stri-Stamm blieb er stehen, abrupt, als hätte eine Windpeitsche ihn dagegen gedrückt. Der Dschungel grunzte und klickerte, Muschelschalen brachen auf, Schlabbern, Schlurfen, wunderbares Cognanasti, das seinen Gehörgang durchblutete und jeden einzelnen Laut wie einen Impulsstoß hindurch leitete. Ein Knurren tänzelte inmitten all der anderen Geräusche. Rau und unnatürlich, von gurgelnden Schluckgeräuschen unterbrochen. Das wildgewordene Tier hatte das Seeufer erreicht und soff. Wusch sich Fleischreste von Basdag und Attanac zwischen den Zähnen weg, die eigentlich nicht dafür gedacht waren, Fleisch zu reißen. Sechzig, siebzig Schritte, schätzte Fraccthür, weiter war es nicht von ihm entfernt. Er schnupperte. Presste das Ohr gegen den Stamm und klopfte ihn in Richtung Boden ab. Eher sechzig als siebzig Schritte. Es schabte mit den Hinterläufen, ratsch-kratsch, unaufhörlich. Sein Wirrsinn trieb es ohne Unterlass zu Bewegung an. Irrationale Bewegung, die dem Jäger zugute kommen würde.
Fraccthür schob den Oberkörper um den Stamm, lauschte in die andere Richtung. Das Lymenrax, das im Zentrum des Tals lagerte, war still. So, wie Fraccthür die Lage einschätzte, waren dessen Widerhallkämme nicht dem See zugewandt, eher der inneren Rundung der Steilwand. Den Höhlen und Winkeln dort. Aus seinem Brüllen hatte Fraccthür Sättigung vernommen. Und im Gegensatz zu seinem Ziel jagten Lymenraxe nicht über den Hunger hinaus. Ganz und gar nicht.
Vielleicht kam ihm das alles entgegen, vielleicht würde es überhaupt keinen Unterschied machen. Er musste die Gelegenheit jetzt nutzen. Gebückt und flinker, als seine Verkrüppelungen vermuten ließen, wetzte Fraccthür mit breit gespreizten Schritten in Richtung des Ufers. Er lief wie ein Gobonsi, die Arme formten ein U über dem Kopf, die Beine ein umgedrehtes, während er nur mit den Fußspitzen auftrippelte und sie wie die Enden seiner Prothese möglichst wenig Kontakt zum Boden aufnehmen ließ. Verstärkte Lederkappen um die Zehen schützten sein Fleisch vor Schalenkanten und Splittern.
Der Dschungel entließ ihn so plötzlich und kahl wie eine überdrüssige Erzeugerin, »geh, Fraccthür, verschwinde und stell dich dem Tod, ihr verdient einander«, schien er zu wispern, oder hatte sie es wirklich gesagt? Unbedeutend. Erinnerungen waren bloß ein Hindernis. Sollten sie versuchen, ihn aufzuhalten. Das war schon ganz anderen nicht gelungen. Fraccthür schnaubte Rotz aus. Der See wellte sich in kleinen Kräuseln längs der Richtung, aus der er dem Ufer entgegen schwappte und dort, wo das Kräuseln begann, schlug ein Zungenwulst ins Wasser. Das Tier stand keine fünfundzwanzig Schritte mehr entfernt, seitlich versetzt wandte es ihm Arsch und Schlepp zu und bemerkte ihn nicht. Wollenes Fell flaumte sich über den Rücken, kahle Stellen und blutige Striemen da, wo seine Blindwütigkeit ihm die Vorsicht geraubt hatte, mit der es Hutanvayunka zu durchqueren galt. Fraccthür fluchte in sich hinein, »Rrag’gu’mazüür …« Die Verletzungen des Tieres sahen weder schwer, noch nach Besorgnis erregendem Blutverlust aus, sie verkrusteten bereits und das umgebende Fell schien unbefleckt. Dennoch, verlorenes Blut war verlorenes Blut und bluthungrige Mäuler, Schnäbel und Rüssel gab es genug. Doch darum, um die Spur zurück, konnte er sich jetzt nicht kümmern.
Fraccthür zog das Messer aus der Scheide am Oberschenkel und klemmte ein zweites, mit einem Haken aus bläulichem Gant-Epik an der Spitze, von seinem Gürtel ab. Er atmete tief ein, das seine Lungen vor feuchter Luft brodelten, und schlich mit Seitwärtsschritten auf das schulterhohe Mähruuk zu. Ein Mähruuk. Biri-buru-Zuchtling, hatte er geschätzt; nun, aus der Nähe betrachtet, war er sich sicher: Kein seltenes Wildexemplar, das sein sicheres Territorium an den Rändern der Klaffen verlassen und sich etwas schädliches eingefangen hatte, nein. Ein Pferchtier. Seiner Haltung entkommen. Ganz und gar sicher.
Das blassrosane, von dicken Adern überzogene Euter saß dem Tier prall am Bauch, die Zitzen waren kreisrund von lilanen und blauen Hämatomen gezeichnet, gerötet um die Spitze des Strichkanals. »Gehen nicht grade zimperlich mit dir um, was?«, knurrte Fraccthür zwischen gefletschten Zähnen hervor. Siebenundzwanzig Schritte. Achtundzwanzig, neunundzwanzig, der Jäger vergrößerte den Abstand zunächst. Vorsicht und Vorbereitung nicht vernachlässigen, niemals. Die Muskelstränge an den Hinterläufen scharrten sich zuckend weiter in eine bereits tief gewühlte Grube aus Sand und Kieseln, die längliche Schnauze des Mähruuk schlug in das Wasser, schnappte danach, schien es besiegen zu wollen, statt sich an der Erfrischung zu laben. Die Schulterblätter ragten über dem gesenkten Hals wie Wehrtürme empor, die Muskeln zitterten unter der gespannten Haut vor Anstrengung, denn die gefährlichen Vorderläufe hatte das Tier in den Schlick gestemmt, um sich Halt zu verschaffen. »Weißt hinten nicht, was du vorne tust …«
Einunddreißig Schritte, zweiunddreißig, er musste aufpassen, beinahe geriet er in das Sichtfeld des prustenden und glucksenden Tieres, einer Sache jedoch wollte Fraccthür sich noch vergewissern, während er die Messer zwischen den Fingern kreisen ließ. Das Auge des Mähruuk. Er musste es sehen, bevor es ihn sah. Er musste fühlen, was es sah. Herausfinden, wo und wie nagend der Schmerz des Tieres saß, bevor der Jäger dafür verantwortlich sein würde, ihn zuzufügen. Ein Körper mochte um sein Überleben kämpfen. Ein Blick hingegen um Erlösung betteln.
Die Deckung einer aufgeworfenen Sandfalte nutzend beugte Fraccthür sich über sein linkes Knie seitlich in die Hocke, bog den Oberkörper wie eine Wendelschlage zurecht und reckte den Hals vor, Sehnen ächzten und knirschten, seine Knochen arrangierten sich neu, bis er da hing wie das verdrehte Opfer eines Sturzes von den Hochplateaus. Ober- und Unterlider ließen die Augäpfel wie ergebene Diener durch ihren Vorhang passieren, »Platz da für Fraccthür, geht ihm aus dem Weg«, und sie wichen vor ihm, sie wichen alle vor ihm, und grau-lilane Schlieren tränkten die Äderchen an seinen pochenden Schläfen. Wunderbares Cognanasti. Als es seine Wirkung tat, hätte er die eigene erhobene Hand nicht deutlicher vor sich sehen können.
In den Schädel des Mähruuks eingesunken. Kreisrund, wabernd wie ein aufgeschlagenes Ei, kein Weiß, nur rostrote Fransen aus Blut und Tränenflüssigkeit; wässrig und geschwollen schmatzte die Nickhautmembran an der weit aufgerissenen Pupille, ein schwarzer Abgrund aus endloser Panik. Und an den Rändern, umrahmend wie ein schmückender Ring, ein Funkeln unkontrollierter Aggressivität, als sähe es den Feind im Äußeren, gegen den es im Innern nicht ankam.
»Armes Ding«, kaute Fraccthür aus und meinte, was er sagte. Wäre ihm die Wahl geblieben zwischen einem Basdag, dem Sohn von Lantata Ibensan, dessen Namen er zu vergessen begann, und diesem bemitleidenswerten Mähruuk, hätte er mit Leichtigkeit entscheiden können, wer sich einen verdienten Tod eingefangen hatte und wer nicht. Eine ganz und gar eindeutige Entscheidung.
Die Umstände hatten ihm diese längst abgenommen und so würde heute eben niemand überleben, der den Weg des Jägers gekreuzt hatte. Sollte die Mutter heulen, sollten seinetwegen alle taanverfluchten Mütter heulen, sollte die Mutter ihrer Welt, sollte Giffeyasuhl heulen, lasst sie schreien um ihre Söhne, »Fraccthür! Fraaaccthüüüürrrr!«, eine Gesellschaft, die von einem Jäger abhängt, hängt von seinen Methoden ab, und er war der verdammte Jäger des Valej Hutanvayunka und damit stürzte er sich auf das Mähruuk …
***
Das Bedürfnis, sich wahrhaftig gut zu fühlen, behaupten zu können, zufrieden zu sein, wie die Dinge standen, war Fraccthür Pemchacazacuq nie inne gewesen. Jedenfalls nicht, dass er sich daran hätte erinnern können. Die Wärme indes, die seinen Unterarm einhüllte, fühlte sich gut an. Er hatte nie das Zuvorkommen oder wenigstens das Geschäftsinteresse einer Liebhaberin genossen, so in etwa allerdings stellte er es sich vor: Ganz und gar umgeben von unnachgiebiger Nähe und Anschmiegsamkeit, die sich ihm anpasste wie eine zweite Haut. Er lächelte ein flüchtiges Lächeln. Flüchtig, weil bis auf das gute Gefühl um seinen Unterarm, der im Leib des Mähruuks steckte, das Messer ins Herz des Tieres gerammt, sich nichts mehr wirklich gut oder überhaupt nur richtig anfühlte. Ganz und gar nicht.
Die Sonnenringe hatten begonnen, sich von ihrem höchsten Punkt herab zu neigen, ihre Hitze hätte unvermindert wie ein Teppich über Hutanvayunka liegen sollen, doch Fraccthür fror. Sicher, er hatte Blut verloren. Viele Jagden kosteten Blut, Körperteile, Gesundheit, Verstand. »Scheiße.« Heute war es etwas anderes. Er drehte sich von der Seite auf den Rücken, sein Kopf sackte gegen die erschlafften, über Kreuz daliegenden Vorderläufe des Tieres, seine rechte Hand stieß auf das feuchte, von einem Messerhieb gespaltene Flotzmaul. »Scheiße.« Fraccthür spuckte aus. Ein Brocken angekauten Fleisches landete mit einem splatsch auf seiner Brust. Er spürte, wie sich ihm die Wirkung des Cognanasti aus den Adern und aus den Sinnen stahl, die wohlige Berührung des Rausches zog sich zurück und wich einem ganz und gar unwohligen Frösteln, das ihm über den kribbelnden Schädel entlang des Nackens bis unter die Fußsohle zog, nur um vor dort aus kehrt zu machen und ihn vorne rum mit Stichen und Krämpfen zu quälen.
Er ließ das Messer mit der Sichelspitze aus Gant-Epik achtlos aus der Hand gleiten, bohrte das andere noch einen Zentimeter höher in das schweigende Herz des Mähruuk, und tastete sich umständlich zu den Phiolen an seinem Gürtel vor. Ein paar waren zerbrochen und die Überreste ritzten in seine Fingerspitzen, doch es war nicht mehr als ein Kitzeln. »Killekille«, murmelte Fraccthür und wusste nicht, woher es kam. »Killekille.« Er fand das Fläschchen, nach dem er gesucht hatte, entkorkte es umständlich, der Daumen saß verkeilt im Gelenk, gehorchte nicht richtig. Mühevoll führte er das Gefäß an die Lippen, die Flüssigkeit sickerte an den Idunenholzzähnen vorbei und trägem Schleim gleich auf seine Kehle zu. Er zwang sein Atmen zum Stillstand, unterdrückte das Würgen, das ihm die Kehle hinauf zu quellen drohte, während die Mischung daran hinab tröpfelte. Für jedes Gift gab es ein Gegengift, für jede Krankheit eine Heilung, das Ende jedoch gewährte keine Umwege, höchstens Aufschub …
Das Frösteln entspannte sich, ein »Mmmmm« kam ihm über die Lippen, von dem er nicht wusste, was es ihm mitzuteilen versuchte. Die Phiole warf er weg. Sollten Angasporen darin einen Platz zum Wuchern finden. Er spürte sein Herz schlagen, aus dem Takt wie ein Musiker, dem jemand unrhythmisch einen Knüppel über den Schädel zog. Immerhin, es schlug. Zeit, sich von dem anderen zu trennen. »Es tut mir leid.«
Die linke Schulter schmerzte rund um sein Ankermal, als er das Messer mit sägenden Bewegungen vom Herzen und schließlich den Unterarm aus dem Körper des gefallenen Mähruuks befreite. Für ein paar stoßweise Atemzüge blieb er liegen, fixierte die Sonnenringe und obwohl er sich im wirrsten Wahn nicht hätte vorstellen können, dass Giffeyasuhl dort oben in gerade diesem Moment ausgerechnet ihn sah, hoffte etwas in ihm darauf. Ein sinnbetäubter Wunsch, dass die Taane Verantwortung für die Fehler ihrer Schöpfung übernehmen würden, und es wäre am heutigen Tag nicht seine Aufgabe gewesen. »Scheiße.«
Fraccthür kam auf die Beine, ein schwankendes Kitz, frisch aus einem unerbittlichen Kampf geschlüpft, der dieses Mal keine Trophäen bringen, nur Opfer fordern würde. Seine Fußklaue klackerte gegen den Untergrund aus Kieseln, das Rückgrat bekam er nicht in die Streckung gehoben und so stand er da wie verdroschenes Vieh, ausgedorrt die Gesichtszüge, einzig das Blut des Mahrüük plätscherte ihm agil von Messer und Fingern. Aber der Trank zeigte Wirkung. Krämpfe, die sich lösten, Muskeln, die wieder zu gehorchen begannen. Fürs Erste nicht schlecht. Ganz und gar nicht schlecht.
Wippend, mit Knien in welpischem Schlottern, umschritt er das tote Tier, dem die Zunge aus dem Maul hing und die Furcht aus den Augen gewichen war. Die hatte es auf Fraccthür übertragen, dem jede Bewegung verriet, dass etwas nicht stimmte. Das durfte ihn jetzt noch nicht aufhalten. Er ging in die Knie und löste mit ratschenden Schnitten ein Lederband vom Hals des Mähruuk, zog es unter dem von Bissspuren gezeichneten Hals weg und betrachtete die silberne Plakette daran. Die Aufschrift. Kolius und Kornmong. Die wahren Bestien, die es am heutigen Tag zu erlegen galt.
***
Im ersten Moment glaubte der Jäger, er sei im Kreis gelaufen. Beschädigte Sinne, gestörte Orientierung. Der Geruch verbrennenden Fleisches kam ihm zu bekannt vor. Diese Note von zu schnell gezupftem Broggsprann und über glühender Kohle vergossenen Fettes. Er hatte das Mähruuk mit einigen Ampullen von Ölen und Alkoholen übergossen und mit Flammstahl entzündet. Was der Kadaver an Überresten hinterlassen würde, sollte keine Gefahr mehr für andere bedeuten. Diese Gefahr hatte es auf ihn übertragen. Das hatte Fraccthür sich längst eingestanden. »Kein Problem. Gar kein Problem.«
Er musste nur weit genug kommen und, wie er feststellte, das war er. Denn der Geruch war derselbe, die Umgebung aber hatte sich verändert. Der Dschungel hatte ihn bis an die südwestlichen Grenzen von Hutanvayunka geführt, die Wälder wurden hier durchlässiger, Lichtungen brachen häufiger auf, wie ein Boot, das gegen zu viele Felsen geschlagen war. Fraccthür hasste das Wasser. Er hasste die Meere. Er hasste die Leerlungen und Gischtrassler, die darin hausten. Auf den Hochplateaus zu vertrocknen, das kam ihm wie ein Tod vor. In den Gewässern zu ersaufen dagegen, das war eine Demütigung. »Hm«, machte er. »Warum soll die Abwesenheit von Wasser ein besserer Tod sein, als zu viel davon? Was im Angesicht der scheiß Taane faselst du da?« Und damit war der Gedanke fort. Heute würde eh alles anders enden. Nicht ausgetrocknet. Nicht aufgedunsen. Nicht in der Höhe, nicht in der Tiefe. Auf der Ebene, auf der es vielleicht immer hatte enden sollen …
Gerodetes Land lag vor ihm, eine Plantage. Dunkle, fruchtbare Erde, in noch unbestellte, mit Pflöcken und Seilen abgesteckte Quadrate eingeteilt. Gebiete, die noch darauf warteten, dass die Sonnenringe blasser wurden, bis genau dieser Strich Boden ertragreiche Ernte abwerfen würde. Kolius und Kornmong. »Was? Wer?« Fraccthürs Zähne klapperten aufeinander, überhastet wie ein eifriges Kind, das seiner Mutter beweisen wollte, dass es schon bis Zwanzig zählen konnte. »Eins, zwei, scheiß auf dich kleiner Pisser, drei vier, am Ende scheißt sie auf dich, hörst du? HÖRST du!« Er schlug sich mit der flachen Hand ins Gesicht. Und nochmal mit der anderen, um es der ersten nicht einfach durchgehen zu lassen. »Konzentration, verdammt.« Seine Wangen schmerzten. Woher kam das? Kolius und Kornmong. »Ach ja.« Wie nannten sich diese zwei, drei, vier, fünf sieh nur, wie gut ich das kann Mutter Kiepenschlepper aus dem Valej Selmestris? Womit zierten sie ihre Verträge noch gleich? Die Legenden der Landwirtschaft? Wie konnte jemand sich selbst zur Legende erklären? Hatten sie persönlich um dieses Stück Land innerhalb der hutanvayunkanischen Grenzen gefeilscht, diese Legenden, oder ihre Statuswarte vorgeschickt?
Den Jäger kümmerte es nicht. Sein Blick folgte den dicken Rauchschwaden, die sich über den Himmel wälzten wie die Fürze von trägen Riesen. Und während er sich auf den Hof und die Scheunen zuschleppte, deren kantige Umrisse sich schwarz hinter dem riesigen, lodernden Flammenmeer abhoben, den Klauenfuß immer wieder mit einiger Anstrengung aus der aufgelockerten Erde ziehen musste, rannen dem Jäger Tränen die Wangen entlang. »Worum kannst du schon noch weinen, Fraccthür? Fraccthür! Fraaaccthüüüürrrr!«
»Ein Tier töten für den Hunger eines Einzelnen«, knurrte er mit bebenden Lippen. »Ein Dutzend Tiere töten für den Hunger von vielen. Meinetwegen. Meinetwegen!« Er sah Männer um das Feuer stehen. Nur zuckende Schemen, einige eilten hier hin und dort lang, andere standen starr vor den Flammensäulen. Diese Note von zu schnell gezupftem Broggsprann und über glühender Kohle vergossenen Fettes bedeckte alles. So viele Noten, dass es für ein Konzert genügt hätte. »Eines. Ein Dutzend. Nicht eine Herde. Nicht eine Herde, ihr taanverfluchten Schweine.«
Fünfundsechzig torkelnde, unwürdige Schritte bis zu einem verschlossenen Zaun und da bemerkte ihn einer der Männer, hob die Arme, wedelte damit wie nach einem Schwarm lästiger Uilaxi-Fliegen, »Umdrehen«, rief er, »hau ab, mach kehrt, hier gibt es nichts zu begaffen!«
Achtundvierzig Schritte bis ihm klar wurde, Fraccthür würde nicht gehorchen. Der Mann, straffe, muskulöse Arme, schwang sich über den Zaun, bellte ein paar Anweisungen, kam ihm entgegen mit Schritten so weit und kraftvoll, als würden sie Hierroshai unter sich und nicht sich darauf bewegen. Fraccthür blieb stehen, die Knie und den Oberkörper gebeugt. Seine Augen glänzten im Schein des Feuers.
»Dreh um, hörst du nicht?« Der Mann baute sich vier Schritte vor ihm auf wie aus Stein gehauen. Eine Hand zu einer tellergroßen Faust geballt, die andere schwebte mit gespreizten Fingern über dem Griff eines Beils an seiner blutbefleckten Schürze.
Fraccthür nickte mit dem Kinn an ihm vorbei. »Was ist da vorgefallen, Metzgerjungchen?«
Kurz glitt dem Mann ein Schwung Irritation über die Gesichtszüge, ehe er unbeeindruckt weiter blaffte. »Umdrehen, habe ich gesagt. Blökendes Vieh ist ja mit besseren Ohren gesegnet als du, häh, Hutanvayunkari? Verschwinde und such woanders nach Ärger.«
»Woanders, meinst du? Wo anders als hier, auf meinem Land, sollte ich denn nach Ärger suchen, was?«
Der Metzger lachte auf. Ungläubig legte er die Hand vor die fettige Stirn. Weg von dem Beil. »Dein Land, hör mal, ich weiß nicht, vom wievielten Hochplateau du gefallen bist, dieses Land gehört Kolius und Kornmong und …«
Fraccthür war nicht schnell. Nicht so schnell, wie er es gewohnt war. Er sah nicht bereits das übernächste Bild seines Handelns, während seine Beute noch das vorletzte zerdachte. Er sah zu viele Bilder. Das Feuer. Das Metzgerjungchen. Das war in Ordnung so. Doch was er auch sah, war wie ein Riss in der Realität, Fremdes im Bekannten, eine Kette sich endlos windender Glieder aus wieder endlosen Gliedern und wo sie sich schloss und zuzog zerfiel sein Verstand, verweste seine Vernunft und was blieb war Wahn. Die Messer lagen in seiner Hand, als hätten seine Ballen sie geboren, und nicht so schnell, wie er es gewohnt war, war zu schnell für das Metzgerjungchen.
Der Haken aus Gant-Epik riss ihm mit einem verheerenden diagonalen Hieb den Bauch von der Leiste bis zum Rippenansatz auf, das Messer rammte Fraccthür ihm in die Oberschenkelinnenseite, warf sich gegen den kreischenden Mann und fällte ihn. Speichel und Rotz verspritzend landete der Jäger auf der Brust seiner Beute, zischte Laute, die nicht mehr menschlich und noch nicht tierisch waren, bis ihn das vor Schmerz und Schock verzogene Gesicht des Mannes an Worte erinnerte.
»Fünf, sechs, sieben, acht Mutter!« Das waren nicht die richtigen Worte. Doch sie machten Fraccthür wütend. »Sieh endlich was ich kann! Sieh endlich wer ich bin!« Das Metzgerjungchen kreischte und quiekte, wie er viele Tiere zum Kreischen und Quieken gebracht haben mochte. Und Fraccthür erinnerte sich. »Das Feuer.« Er schnüffelte. Zu schnell gezupfter Broggsprann und über glühender Kohle vergossenes Fett. »Ihr verbrennt Mähruuk. Ich bin einem davon begegnet. Was ist mit den Tieren geschehen?«
Der Sterbende hechelte und Fraccthürs Bein hielt seine Eingeweide davon ab, aus dem aufgeschlitzten Bauch zu quellen.
»Ja«, erinnerte sich der Jäger. »Es hat ein Basdag ausgeweidet und ein Jungchen in Fetzen gerissen. Was ist mit den Tieren passiert?«
Unverständliches keuchte zwischen den abgehackten Atemstößen des Mannes hervor, und bevor Fraccthür einfallen wollte, was er ihm abtrennen konnte, um ihn zur Deutlichkeit anzuregen, war er tot.
»M- … Mutter?« Weitere Glieder der Kette wickelten ihn ein, zerrten an allem, was er wusste und bekannt war. Eine Angst ergriff ihn, die er nie gefühlt hatte.
»Hey!«
Etwas Hartes, ein Stein traf ihn an der Schulter, prallte von dort auf das Gesicht des Metzgerjungchens. Der Totenstrom hatte ihn längst mitgerissen und eine gebrochene Nase würde ihn nicht mehr kümmern. Fraccthür sprang auf und landete in der Hocke. Drei weitere Männer waren aufgetaucht.
»Was, bei den Taanen, hast du mit Qarnisser angestellt?«, fragte der Mittlere mit fassungslos aufgerissenen Augen. »Was bist du für ein verdammtes Tier?« Sie hielten Werkzeuge in den Händen, eine Harke, eine Schaufel, einen kurzen Handpflug.
»Die Taane sind hier heute nicht am Werk gewesen«, rief Fraccthür; etwas daran kam ihm richtig vor, zu rufen, vielleicht nur, um die zunehmende Taubheit in seinen Ohren zu übertönen. Versagende Sinne … »Was ist mit den Mähruuk geschehen, die ihr dort verbrennt? Seht euch euer Metzgerjungchen an. Jetzt seht mich an. Seht MICH an.« Er hob die Messer. »Ich nehme jeden einzelnen von euch aus und frage und töte so viele weitere, bis mir eines von euch selmestrischen Hurenkindern antwortet.«
»Wie willst du …«, tönte der Linke, doch der in der Mitte unterbrach ihn.
»Lass gut sein. Und du auch Hutanvayunkari.« Er hielt die Hand vor den Mund, doch aus dem Knistern des Feuers und allem Tosen sich in Wahn auflösender Gedanken hörte Fraccthür ihn trotzdem »Sieh in seine Augen« sagen. »Du bist dem Tier begegnet, das entkommen ist, nicht wahr?«
Der Jäger deutete auf den Toten zwischen sich und den Männern. »Das habe ich bereits deinem Freund gesagt. Gib mir Antworten, Mutter. Mutter! Warum sprichst du nicht mit mir, MUTTER?« Er rammte das Messer vor sich in die Erde, stach darauf ein, bis sein Arm erschlaffte, leblos neben der Fußklaue baumelte, die so wenig zu ihm gehörte, wie er zu ihr gehört hatte. »Urgh«, jaulte er auf.
»Das ist … das ist kein Geschöpf Giffeyasuhls mehr«, sagte der Rechte, klappernd fiel sein Handpflug zu Boden und er wankte ein paar Schritte zurück. »Als ob die Hohentaanin nicht schon Grund genug hat, stinkig auf uns zu sein.«
»Giffeyasuhl«, sagte Fraccthür und ließ sich auf den Hintern fallen. »Was für eine Mutter ist das, was?«
»Hör zu, Hutanvayunkari.« Der Mann in der Mitte legte seine Schaufel weg, hob beschwichtigend die Hände und rang nach Worten. »Wir hatten Probleme, mit den Mähruuk, verstehst du? Etwas in ihrem Futter, klar, etwas in ihrem Futter hat einige der Tiere durchdrehen lassen. Sie griffen uns an und auch einander und eines konnte entkommen. Die anderen haben wir getötet. Und daraufhin haben wir sie alle getötet.«
Fraccthür sah ihn an. »Wie viele?«
»Fünf infizierte Tiere. Zweihundertfünfzig getötete. Hör zu, ich weiß nicht, ob wir dir helfen können …«
»Können wir nicht«, rief der Rechte, »das waren keine Geschöpfe Giffeyasuhls mehr, ebensowenig wie das noch eines ist.« Damit eilte er davon.
Fraccthür stupste seinen Arm an. Keine Regung. Die Schulter mit dem Ankermal hing schlaff und nutzlos herab. »Was war in dem Futter?«
Der Mann zögerte, wich dem Blick des Jägers aus, stemmte nervös die Hände in die Hüften. »Schlachtabfälle, verstehst du? Schädel, Hirn, Augen, Teile des Darms. Alles, was die Verträge untersagen. Verarbeitet und unter die Troglake gemischt. Hör mal, Kolius und Kornmong mussten tief in die Taschen greifen für euer Stück Land. Wir müssen Profite einfahren. Die Tiere schnell und vor allem billig aufzüchten und teuer verkaufen, was sie abwerfen. Taanverflucht, das haben wir jetzt davon.«
Fraccthür sagte nichts. Sein linkes Bein fühlte er nicht mehr. Die Klaue daran sang im Zucken der Reflexionen des Feuers. Mit den Fingern der rechten Hand fuhr er über das Gant-Epik. Keine Kerbe, nichtmal ein Kratzer am Stahl der Gantlinger, und das nach all den Jahren. »Siehst du, Mutter? Fraccthür bringt nicht einzig Zerstörung, allem was ihm nahe tritt.« Er lachte, ein hohes, irres Gackern.
»Was machen wir mit dem?«, fragte der Mann, der als einziger noch sein Werkzeug, die Harke, in Anschlag hielt. »Den erlöst nur noch der Tod.«
»Nicht der, den du bringst, Jungchen.« Kein Geschöpf Giffeyasuhls mehr, zuckte es durch Fraccthürs Gedanken. Wer keines ihrer Geschöpfe war musste keinem ihrer Gesetze folgen. »Geht schon. Werft euch mit in die Flammen und kriecht im Totenstrom vor eurer Mutter Hohentaanin.«
»Und was ist mit dir, Hutanvayunkari?«, zögerte der Mann, der die Schaufel wieder an sich nahm.
Fraccthür grinste. Ein breites, besessenes, entfesseltes Grinsen mit hölzernen Zähnen. Keines ihrer Geschöpfe mehr. »Meine Jagd hier unten ist vorbei. Aber da oben werde ich sie fortsetzen. Bis ich ihr persönlich gegenübertrete.«
Und als die Männer sich abwandten und gingen und keinen Blick zurückwarfen trieb Fraccthür sein Hakenmesser in den Stumpf seines linken Beines, hieb und schnitt und zerrte solange an dem abgestorbenen Fleisch, bis er die Klaue mit einem Schmatzen heraus bekam. Alles ablegen, was nicht zu ihm gehörte. Alles zurücklassen. Er löste die Leisten mit den Idunenholzzähnen aus Ober- und Unterkiefer und sein Mund sackte in sich zusammen. Achtlos warf er die Prothesen beiseite. Dann, kaum noch fühlend und fast nicht mehr sehend, was er tat, trieb er sich die Spitzen der Fußklaue in die linke Schulter, dort hinein, wo das Ankermal ihn an die Verankerung Hierroshais band. Ich werde dich holen, Mutter, dachte er und hebelte die Klaue hinter das Ankermal und mit einer letzten Kraftanstrengung, wenig menschlich, beinahe tierisch, trieb er das Letzte aus sich heraus, das nicht zu ihm gehörte. Und verschwand im Totenstrom.



