Die Story
Vier Jahre nach den Ereignissen von „No Way Home“: Aufgrund eines Zaubers hat die ganze Welt vergessen, einen gewissen Peter Parker (who?) je gekannt zu haben. Seines besten Freundes Ned und seiner großen Liebe MJ beraubt stürzt der Heranwachsende sich stattdessen in seine zweite Identität, jene der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft Spider-Man. Im Kostüm wird Peter als Retter und Beschützer New Yorks gefeiert wie nie zuvor, als Person vereinsamt er hingegen zusehends. Als eine gewaltige Bedrohung in der unbekannten Gestalt einer telepathischen Macht über die Stadt hereinbricht, die es scheinbar besonders auf das Department of Damage Control abgesehen hat, muss sich Spidey jedoch nicht bloß einer weiteren Gefahr stellen – Peter hat außerdem mit ungeahnten und aggressiven Veränderungen zu kämpfen, die den Spinnen-Anteil seiner DNA zunehmend die Oberhand gewinnen lassen…
Die Kritik
Je nach dem, wen man fragt (also entweder Anti-Woke Right Wing Media Grifters oder Menschen, die moralisch noch bei Verstand sind) ist das einst glorreiche Marvel Cinematic Universe mehr oder minder nicht mehr wirklich auf dem Gipfel seiner Schaffenskraft. Und das stimmt schon auch: weder von der Güte und Konstanz her, noch von den Box Office-Ergebnissen ist der jüngere Output mit dem über ein Jahrzehnt unanfechtbaren Event-Level vom ersten „Iron Man“ (2008) bis hin zum krönenden „Avengers: Endgame“ (2019) vergleichbar. Ziellose Charaktereinführungen und Plot Threats, die ganzen multiversalen Shannanigans, denen einfach Stringenz und Konsequenz der „Infinity“-Saga fehlen, externe Faktoren wie das Wegbrechen der wegweisenden Post-Thanos Schurkenfigur Kang (siehe Jonathan Majors) und vermeintliche Verzweiflungstaten in Form des kommenden Mega-Brummers „Avengers: Doomsday“, zu dem die Franchise-Seller Chris Evans aka Steve Rogers aka Captain America und Robert Downey Jr. aus dem Ruhestand geschleift werden – Beziehungsstatus: es ist kompliziert. Und das wohlgemerkt nicht, weil Captain America in Gestalt von Anthony Mackies Sam Wilson inzwischen schwarz ist und She-Hulk einen Felsbrocken weiter schmeißen kann als ihr Cousin Bruce Banner. It’s deeper than that.
Und dann kommt Spidey daher gekraxelt, spielt nach einer Woche (Stand: 08.08.2026) furiose 1,2 Milliarden ein und alle sind sich einig: „Spider-Man: Brand New Day“ knüpft endlich mal wieder an die Geschmacks-Highlights der besten Marvel-Kost an. Doch der Web-Head ist eh selbst unter den populärsten Comichelden nochmals ein Ausnahmephänomen. Klar also, dass die Rezeptoren da per se etwas anders schwingen. Wie gut Tom Hollands bereits vierter Solo- und insgesamt siebter Auftritt als Netzspinner tatsächlich ist? Ohne falsche Spannung zu erzeugen: sehr gut! „Spider-Man: Brand New Day“ ist zuerst und vor allem ein phänomenaler „Spider-Man“-Film. Das lohnt sich, dermaßen explizit zu betonen, da Marvel-Properties schließlich durchaus mal zur Überfrachtung und Überschattung ihrer eigentlichen Titelfigur neigen. So verriet auch „Brand New Day“ im Promo-Material, dass hier neben Spidey mindestens der Punisher, der Hulk, diverse Schurken, eine Variante der „Man-Spider“-Transformation und nicht zuletzt die losen Plotfäden aus dem Vorgänger „No Way Home“ um Aufmerksamkeit buhlen.
Doch Regisseur Destin Daniel Cretton (mit „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“ zuvor für einen der besseren Post-„Endgame“-Einträge verantwortlich), sowie dem Script-Trio Chris McKenna, Erik Sommers und Justin Kuritzkes gelingt es, nahezu allen Figuren und Handlungssträngen genügend Raum zu lassen, diesen Raum stets gekonnt direkt mit dem Titelhelden zu verknüpfen und diesen wiederum dennoch nie aus dem Fokus zu nehmen. Im Gegenteil, „Brand New Day“ könnte sogar einer der essentiell spider-manigsten Einträge des gesamten bisherigen Franchise sein. Peter Parker steckt nicht nur fürs Schwingen und Schlagen im ikonischen-rot-blauen Ganzkörperschlüpfer, der Film zeigt Spidey in weiten Passagen außerdem beim Investigieren, Rumtüfteln sowie Small- und Bigtalken. „Brand New Day“ gibt dem Superheldenleben einen Schwung jener Street Level-Alltäglichkeit, die Spider-Man unter anderem ausmacht, der planscht dann eben auch mal mit Maske in einem russischen Badehaus oder sitzt in full costume in einem Büro des Department of Damage Control.
Spidey wird nicht dauernd auf Krampf demaskiert, damit Tom Holland mehr Face Time bekommt (oft ne seltsame Angewohnheit des Marvel-Outputs allgemein) und so findet der Film zu einer tollen Balance zwischen Spider-Man-Beats und Peter Parker-Beats, ohne das Gewicht des einen über das des anderen zu stellen oder den Sinn dafür zu verlieren, es im Kern selbstverständlich mit der selben Person zu tun zu haben. Cretton und sein Team bedienen sich hierfür an einer überraschenden, aber wunderbar funktionierenden Struktur: jener der „Spider-Man“-Games aus dem Hause Insomniac nämlich. Deren Auftakt aus dem Jahr 2018 und die Nachfolger „Marvel’s Spider-Man: Miles Morales“ (2020) sowie „Marvel’s Spider-Man 2“ (2023) bespielen einen wahnsinnig ähnlichen Spidey-Vibe. Die Mischung aus Schwungakrobatik, Fights, Forschung, Peter-zentrierten Abschnitten, der Handy-Standleitung zum NYPD, meet-the-sidecharacter-Exposition und spektakulären Blockbuster-Sequenzen fungiert klar als einer der Blueprints für „Brand New Day“. Die Stürze und Swings durch New Yorks Hochhausschluchten, Gegner- und Waffentypen und einige Netz- und Finishing Moves stammen 1:1 aus den Games, und für einen modern erzählten und bebilderten Spidey bedient sich Cretton bei genau der richtigen Vorlage …
… die der Regisseur und Marvels Kreativtrupp dann auch noch mit einer ordentlichen Portion des (nach wie vor) besten Live-Action Web-Head-Outings kombinieren, Sam Raimis „Spider-Man 2“ von 2004. Der hat auf Peter-Ebene einen ähnlichen Plot; Identitätskrise, Verlust bzw. Veränderung der Kräfte, die erdrückende Last der Verantwortung des Kostüms für Peters Persönlichkeit, ein Held, der sich entfremden muss, um jene zu schützen, die er liebt. Das hat Raimi damals mit grandiosem Pathos und der Spidey-Standard-Ingredienz Melodramatik erzählt und auch „Brand New Day“ scheut davor in den passenden Momenten nicht zurück. In Gewand und Gestalt kommt das hier zwar frischer daher, erreicht aber eine ähnliche emotionale Tiefe und Tragik, die Cretton atmen lässt. Die Actionsequenzen ersticken die ruhigen Momente nicht und die ruhigen Momente sind durch die Vorgänger so gut unterfüttert, so differenziert arrangiert und gespielt, dass sie das Pacing nicht kippen. Etwas zu lang ist „Brand New Day“ mit seinen 145 Minuten zwar dennoch geraten, aber es sind nicht die persönlichen, humor- bis tränenreichen Zwischenmenschlichkeiten, an denen das festzumachen ist.
Jene werden mühelos im Zentrum oder vornehmlich gar ohne jedes Krawumm, WHOOSH! und THWIP! getragen von der Chemie zwischen Holland und seinen Co-Stars Zendaya, Jacob Batalon und Jon Bernthal. Letzterer … zugegeben, da komm ich nicht ganz aus meiner Haut raus und tendiere zu Hashtag #nichtmeinPunisher . Diese kinderfreundliche Version von Edgelord Psycho Frank Castle wirkt ein bisschen wie der etwas minderbemittelte Proletarier-Onkel, der auf der Teenie-Party unangebrachtes Zeug raus grölt. Fürs Setting ist das schon fein, weil Castle nicht sämtliche seiner harten Kanten abgeschliffen bekommt, doch wenn man aus diversen „Daredevil“-Staffeln, seiner eigenen Show oder dem Streaming Special „The Punisher: One Last Kill“ von vor drei (!) Monaten weiß, was für eine rücksichtslos brutale FSK18-Bestie Bernthal normalerweise in der Rolle ist – nun, dann wirkt die Zähmung dieses Physis-Berserkers zum unverbesserlichen Comic Relief-Hooligan mit weichem Herzen durchaus etwas daneben.
Generell, der Humor: subjektive Sache, und „Brand New Day“ hat in dieser Hinsicht ganz sicher nicht die Probleme wie manch anderer Marvel-Erguss (looking at you, „Thor: Love and Thunder“), für mein Empfinden allerdings wirken einige der (beabsichtigt) lustigeren Einlagen und Sprüche ein wenig unter Par. Das ist gut im Golfsport, in einem Film hat man’s aber eher auf die Double- und Triple-Bogeys abgesehen. Hollands Spider-Man ist in dieser Iteration nicht besonders quippy, was sich aber natürlich durch die Grundpfeiler des persönlich düstereren Plots erklären lässt. Trotzdem, da wäre mehr möglich gewesen, weil das Gefühl bleibt, dass der Film Witz versucht, aber Witz nicht so richtig klappt (überdeutlich in der Badehaus-Szene mit Florence Pugh). Der für mich gewichtigere Kritikpunkt: obwohl „Brand New Day“ wie gesagt ein phänomenaler „Spider-Man“-Film ist, bleibt er gleichwohl ein vorhersehbarer und ganz selten mal wirklich überraschender Superheldenfilm. Crettons Bildsprache ist vibrant und energetisch, wodurch nie der Faden des Interesses reißt, aber Story-Entwicklung und nahezu alle Auflösungen lassen sich auch ohne Spinnensinn ein paar Meilen im Voraus erahnen, sofern man mit dem Genre und klassischen Spidey-Tropes halbwegs vertraut ist.
Die Enthüllung, oder im Kontext vielleicht wichtiger: die Bedeutung der Hauptschurkin verpufft dadurch nicht gänzlich (let’s be honest: war mit der Besetzung von „Stranger Things“-Alumni Sadie Sink nicht völlig eindeutig, wer hier im Hintergrund die Netze webt?!), aber das ist innerhalb des Plotprogresses wirklich der einzige Part, der etwas zum Guessing Game einlädt. Davon ab: hm, Peter entwickelt aus na bad mood neue Kräfte, was muss er wohl tun, um damit klarzukommen?! Bruce Banner kontrolliert seine Hulk-Ausbrüche mit nem Stück Armschmuck, kann ja nix schiefgehen!? Der Boss des Department of Damage Control wirkt shady, der wird doch nicht …?! Kommt ihr selber drauf, oder? Anyway, innerhalb dieses leider etwas eng geratenen Korsetts der Story-Konventionen schafft „Brand New Day“ soooo viele phänomenale Momente puren Spidey-Vergnügens und Parker-Miserys, DA sitzt dann wahrhaftig jeder Beat, jede Szene, jede zerbröselnde Mimik, wenn sich wieder eine von Peters Hoffnungen auflöst wie ne Spinnenwebe im Staubsauger.
Holland führt das im und ohne Kostüm mit dem gewohnt einnehmenden Lausbub-Charisma auf, kann aber genauso auch brüten und brechen, wenn er muss. Die herausragende Szene des ganzen Films ist wahrscheinlich ein Kuss auf einem Dach, der in einen metaphorischen Magenhieb mündet, der Spidey/Peter härter als jeder abgedrehte Schurke trifft. In deren Reihen soll Michael Mando als Scorpion nicht unerwähnt bleiben, bedauerlicherweise nicht, weil der Giftstachelschwanz so viel Eindruck hinterlassen würde, sondern weil Mando dermaßen verschenkt wird. Der war so großartig unter anderem in „Better Call Saul“, und es bleibt zu hoffen, dass Marvel für ihn perspektivisch noch irgendwas größeres in der Schublade hat. Alles in allem jonglieren Cretton und das Script den natürlich enormen Cast aber gekonnt und halten alle Bälle lange und prägnant genug in der Luft. Die erwähnte Sadie Sink wird nach dieser Premiere wohl noch ein paar Filme brauchen, um Puristen von der frischen Origin-Idee ihrer Figur zu überzeugen, aber das war bei Holland zu dessen Beginn als Tony Stark-Protegé nicht anders. Ich fand das aber schon jetzt höchst verheißungsvoll für Marvels Zukunftspläne. Wir sehen uns in Westchester .
Wertung & Fazit
Sprengt nicht alles aus sämtlichen Halterungen, aber tolle, Spidey-spezifische Sequenzen mit Wumms, Fun und vor allem in den wichtigen Momenten den nötigen Emotionen.
Durchweg temporeich (genug) und unterhaltsam, aber wer hier Nägel kauen und mitfiebern will ist im falschen Film.
Peter Parkers innere und Spider-Mans äußere Konflikte werden wie in den besten Spidey-Adaptionen schön synchronisiert, auch wenn „Brand New Day“ das nicht bis in die aller tiefsten Charakter-Tiefen ausverhandelt.
Ein bisschen die Achillesferse des Films, jedenfalls für mich. Schlägt einen reiferen, düstereren Ton als alle bisherigen Holland-Spideys an, will aber trotzdem natürlich ne Humor-Balance, die leider nicht immer vernünftig pendelt.
Tom Holland war es eigentlich von Anfang an, aber ist es inzwischen erst Recht: zu Hause in der Rolle des Peter Parker/Spider-Man. Top-solider supporting Cast.
Destin Daniel Cretton pustet nach drei Jon Watts-Spinnen-Abenteuern ne stürmische Portion frischen Wind ins Wallcrawler-Franchise, weiß, bei welchen modernen Vorlagen er sich bedienen muss und kombiniert das mit klassischen Spidey-Dilemmata. Good Job!
(Falls jemand vergleicht: fünf Prozentpunkte weniger als „Spider-Man: Homecoming“, weil der das, was er macht, noch einen Ticken runder hinbekommt.)
Greift die Fäden der Vorgänger-Trilogie auf und führt den Netzkopf dem Titel entsprechend in eine frische Zukunft: „Spider-Man: Brand New Day“ ist ein phantastischer „Spider-Man“-Film und generell tolles, wenn auch nicht unbedingt überraschendes Superheldenkino. Außerdem (weil irgendwo muss das Erwähnung finden): wie und mit wessen Hilfe der Schlusskonflikt aufgelöst wird: phänomenal! Tränen flossen, peak Spider-Man!




Krass. Ich habe noch nie zuvor überhaupt ne Filmkritik gelesen. Du bist der Inbegriff von Ausführlichkeit. Finde ich cool. Aber die Schachtelsätze killen mich manchmal. 😋 Uufff. Gut, dass die PC-Vorlesestimme kein Problem damit hat, Sätze sechsmal vorzulesen, bis auch ich sie gecheckt habe. 😅
😅 das stimmt wohl, ich nehme in solchen Texten sehr viel weniger Rücksicht auf Entschachtelung 🤣