Schreibste heut nich schreibste morgen – Der Kampf gegen die Prokrastination

Kampf gegen die Prokrastination

(HINWEIS: diesen Artikel habe ich ursprünglich im März 2017 veröffentlicht)

Der Wiedereinstieg ins literarische Schreiben nach acht Jahren glorreicher Filmkritiker-Karriere 😛 ist mir vor einigen Monaten ziemlich leicht gefallen. Bis auf eine Sache, die sich stark verändert hat. Ich prokrastiniere neuerdings. Wie Sau. Genaugenommen sogar jetzt gerade, weil dieser Text übers Prokrastinieren auch Prokrastination bedeutet. Prokrastination, also Aufschiebeverhalten, das Verschleppen und Verzögern anstehender Aufgaben, kannte ich als End-Teen/beginnender Twen nicht, nicht nur das Wort an sich war mir nicht geläufig (obwohl es da eine sechzehn Jahre alte SpongeBob-Folge gibt!), auch das Handlungsmuster war mir anno dunnemal fremd. Da konnte ich Stunden am Stück mit focus to the max an ’nem Text hocken, bin locker täglich auf einen zweistelligen Seiten-Output gekommen und war nicht vom Gefühl geplagt, ständig nach rechts und links und über und unter mich gucken zu müssen.

 

Aber nun, Prokrastination ist halt eines dieser berüchtigten Gegenwartsphänomene. Nicht konzentriert bei einer Sache bleiben können, ohne parallel fünfzehn andere im Kopf zu haben, diese pervertierte Form des einst als höchste Kunst der Produktivität gefeierten Multitasking-Algorithmus, ist sogar mittlerweile (oder wann auch immer) im Realm der Krankhaftigkeit und psychotherapeutischen Ambulanzmaßnahmen angekommen (lesenswerter Artikel dazu im SPIEGEL).

Wie ich prokrastiniere

Für mich als primär Autor und sekundär Netzmensch (und tertiär halt so’n Typ) drückt sich das folgendermaßen aus: ich mache morgens den Laptop auf, starte den Browser und eiere erstmal nur rum. Fratzbuch, Twitter, YouTube, was war die Nacht so los, steht die Welt noch auf ihren klapprigen Stelzen oder hat irgendwer die Bomben geworfen (mit Trumpeltieren und anderen Klappsköppen an der Macht kann man schließlich nix mehr ausschließen). Aber klapsdaboing, um fünf Uhr am Morgen muss die Kreativitätsdrüse auch noch nicht bis unter’s Schopfhaar ausschütten. So richtig an den Start kommt der Tach nach Acht.

Und da profitiere ich eigentlich von einem enormen Luxus für jemanden, der (noch!) nicht vom Schreiben leben kann: mein Job-Modell lässt es zu, dass ich vormittags mindestens fünf Stunden an frei verfügbarer Zeit habe, das Arbeiten mit dem Geldverdienen erledige ich abends. Minimum fünf ungestörte Stunden am Tag, um am Buch zu arbeiten, ist Knaller. Aber mache ich das auch? Nutze ich die Zeit? Machen wir keinen Hitchcock draus, die Antwort kann ja gar nicht »jawollo!« lauten, sonst würde es diesen Artikel hier nicht geben.

 

Ich nutze die Zeit also nicht, schlimmer noch: ich muss Zwang gegen mich selbst aufbringen, um die Zeit überhaupt zu nutzen und nicht bloß zu verplempern. Das Artikelbild da oben symbolisiert es ganz gut (Betonung auf „symbolisiert“, ich hab in echt natürlich nicht die ganze Zeit ’ne Blu-ray und ein PS4-Game vor dem Bildschirm stehen): der Browser ist auf, das Manuskript in den Hintergrund gedrängt und eigentlich hätte ich auch Bock, ’n Film zu sichten oder ’ne Runde zu zocken. Und ey, was ist bei Zuckerberg Enterprises los, gibt’s einen coolen neuen Trailer, was veranstalten der POTUS und seine Spießgesellen, wie sehen meine Klickstatistiken aus und warum hat der Hund vorhin gelb gekotzt?!?

Prokrastination – zee Internetz is schuld!

Ich bin erst 2008 in dieses sogenannte Neuland gereist und bin partizipierender und konsumierender Teil des Internets geworden. Und neben Family & stuff bestimmt das www einen relativ immensen Anteil meiner Alltagsgestaltung. Macht halt auch Spaß, ne? Ich baue und administriere meine eigenen und Websites von Freunden, surfe, chille, zwitscher und den ganzen anderen modernschen Kram, von dem man Omma nichts erzählen kann, weil ihr das alles unheimlich und suspekt und unheimlich suspekt ist. Ich mag das. Meistens. Manchmal frustet’s auch. Aber meistens mag ich’s.

 

Aber es hält mich vom Schreiben ab. Früher, während meines ersten »ich werde Autorwehrmann!«-Runs, stand mir das Internet nicht zur Verfügung. Somit waren auch meine Recherchemöglichkeiten eingeschränkt wie ein Lachs in der Sardellenbüchse, aber ich hielt mich dafür weit enger bei der Sache. Wenn ich jetzt Recherche mache (und das ist natürlich super, welche Vorteile das Netz da gegenüber dem Geblätter in Duden und Enzyklopädien bietet), geht mittendrin oder danach halt auch der Tab mit den Datenfresser-Social Networks und dem anderen Gedüdel auf und bis ich den Browser endlich wieder minimiere und das Office-Dokument wieder auf Vollbild blähe vergehen die Minuten und Minuten und Minu…

 

Und dann passiert das, was die Gefahr des Prokrastinierens ist: man fühlt sich scheiße dabei. Von sich selbst ertappt wie von einem Ladendieb, dem man Zeit aus’m Regal geklaut hat, erscheint der Tag verschwendet. Für gefühlt meist gar nix, nach den Maßstäben eines interaktionsfischenden Netzmenschen. Nüschts passiert auf FB und co., keiner hat den letzten Beitrag geliket, den jüngsten Tweet geherzt oder den neuesten Blogartikel kommentiert, niemand hat was interessantes in einer Gruppe gepostet, der Ausflug war umsonst, hat zur Kreativität und Produktivität nichts beigetragen und man starrt schuldbewusst aufs weiße Blatt, dem man die Füllung durch Buchstaben und Worte verwehrt hat. Und NICHTS kann einen Autoren dermaßen scharf anklagen, wie eine leere Seite. Schuldig, Beweise eindeutig, Prozess überflüssig!

Maßnahmen gegen die Prokrastination – oder mit ihr!

Den Symptomen des Phänomens entsprechend bin ich gedanklich nicht bei einer Sache, nicht bei meinem Roman, ich zerstreue mich in zehn Richtungen, weil irgendwo könnte ja gerade was wichtiges abgehen und irgendwas in mir schreit in den fünf Vormittagsstunden nach Berieselung, nach Entspannung und das ist Schreiben bei aller Leidenschaft dafür nicht. Aber statt zu entspannen wird das Nichtstun und die Ablenkung zur mentalen Belastung und das Gefühl, durch Eigenverschulden nicht genug geschafft zu haben, ist ein ganz ekliges. Und das Buch landet so auch nicht schneller auf’m Mängelexemplar-Grabbeltisch im Supermarkt.

 

Deswegen hab ich mir in den letzten Tagen und Wochen Mühe gegeben, Strategien zu entwickeln. Dabei wurde klar: die dürfen nicht zu radikal sein, dafür reicht die Selbstdisziplin nicht. Ich schaffe es nicht, fünf Stunden keine Mails zu checken und den Browser wirklich nur für die Recherche zu öffnen. Wichtiger schien und scheint mir, zu definieren, was eigentlich eine Leistung ist, mit der ich am Nachmittag zufrieden sein kann, um das Gefühl zu vermeiden, nicht genug geschafft zu haben.

Mehrere statistische Werte, Mindtricks und anderes Gepuzzle kann man sich zunutze machen:


Schreiben auf Zeit, sprich eine Viertelstunde/halbe Stunde/Stunde am Tag intensiv am Text arbeiten und gut. Mehr ist super, weniger nicht optimal, aber nach der gesetzten Zeit ist ein Ziel erreicht und dann ist gut.


Auf eine Zahl zuschreiben, sprich zwei Seiten oder 1.000 Wörter oder 10.000 Zeichen am Tag. An denen muss man auch nicht am Stück ackern, nur am Ende des Tages sollten sie zusammengekommen sein.


Zur Recherche statt des Standart-Browsers einen nutzen, auf dem man nicht überall angemeldet ist und auf seinen Kram zugreifen kann. Der Standart-Browser bleibt geschlossen, solange geschrieben wird. Oder man nutzt ein Add-on, um den Zugriff auf gewisse ablenkende Seiten zeitlich begrenzt zu blocken (für Mozilla z.B. Leechblock).


Wenn die Kreativität mal nicht will: am vorhandenen arbeiten, korrigieren, überarbeiten, die erlernbaren Werkzeuge des Schreibens benutzen, Hauptsache am Text dranbleiben, die Welt nicht verlassen, die man entworfen hat. Wenn man so will: am eigenen Text prokrastinieren.


Das zwischenzeitliche Berieseln durch Social Media, ’n Video auf YouTube, ein Ablenkprogramm im Fernsehen oder was auch immer einfach mal ganz bewusst für eine halbe Stunde oder so zulassen, im Idealfall springt vielleicht sogar an unerwarteter Stelle eben doch ein kreativer Funke über.

 

Besonders beim letzten Punkt kann das Prokrastinieren für einen Autoren sogar selbst zum wertvollen Tool werden, die Sinne müssen nur offen für alles sein, dass in irgendeiner Form in den eigenen Text einfließen könnte. Es muss nicht zwingend in tatsächlichen Sätzen münden, aber zumindest die Brücke zur eigenen Schreibarbeit sollte sich knüpfen lassen. So kann man die Prokrastination mit etwas Positivem besetzen, statt auf ihrem bitteren Nachgeschmack rumzukauen, so kann sie auf ihre eigene, um die Ecke gedachte Weise ihrerseits zum Werkzeug in der Schublade des Autoren werden – sofern man die Bitch unter Kontrolle halten kann und aus der bewussten halben Stunde nicht plötzlich der ganze Vormittag geworden ist.

Mein Fazit zur Prokrastination: sich vom Nichtschaffen nicht schaffen lassen

Die Illusion, dem gedanklichen Abdriften und dem Aufschieben der Schreibaufgabe mit knallharter Selbstdisziplin entgehen zu können, mache ich mir nicht mehr. Kreativität arbeitet nicht mit Minutenzeiger und deswegen nutze ich die erwähnten vormittäglichen fünf Stunden als weiten Rahmen, nicht als eng umzwängendes Korsett. Ich will wochentäglich, mindestens an vier von fünf Tagen, zwei bis drei Seiten und rund 1.000 Wörter an meinem Roman voran kommen. Wenn ich das erste davon um Punkt Acht und das letzte um Dreizehn Uhr ins Manuskript tippe und dazwischen mal die PS4 lief und ich gesocialt habe – totally cool with that! Man kann diesem Verhalten wahrscheinlich nicht gänzlich entkommen, wenn hinter dem „wollen“ kein „müssen“ steht und dann ist entscheidend, sich in Denke und Verhalten und die Umstände so zu arrangieren, dass aus dem „können“ ein messbares „schaffen“ wird.

 

Auch dieser Text mit seinen knapp 1.400 Wörtern ist übrigens nicht am Stück und ununterbrochen konzentriert und bei der Sache entstanden. Aber fertig ist er geworden und zu prokrastinieren, während man einen Artikel darüber scheibt, ist so wunderbar meta, dass mir das erst recht nichts ausmacht 😉

 

An die Texter/Autoren unter den Lesern: wie verwaltet ihr euren Schreibprozess in Zusammenhang mit Prokrastination? Wie sehen eure Umgehungsstrategien aus? Habt ihr den Tank voller Selbstdisziplin und schreibt mühelos über Stunden weg? Oder handhabt ihr’s völlig ungezwungen nach dem Motto „schreibste heut nich schreibste morgen“ und irgendwann wird’s schon fertig?

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