Lasst uns mal über Buchbabys sprechen! Also, nicht über physisch in die Welt gesetzte Druckerzeugnisse, sondern über den metaphorischen Begriff. „Buchbaby“. Hm. Ich erwähnte neulich auf Instagram in einem Post über die (Über)Emotionalisierung des Marketings, dass diese Bezeichnung für ein Erzählwerk mir „saures Aufstoßen verursacht“. Selbstzitat: „Kann ich überhaupt nichts mit anfangen. Das schaltet noch vor der Lektüre der ersten Seite eine emotionalisierende Schutzschicht vor jede ehrliche Auseinandersetzung mit dem Werk an sich, denn wer würde denn schon jemand anderes Baby kritisieren oder gar beleidigen, omg?!“ Eigentlich war das nur ein etwas spitz formulierter Aufhänger für die eigentlichen Punkte meines Beitrags, taugte jedoch einem langjährigen Follower als Aufreger genug, um mich nach einer recht fruchtlosen Diskussion schlussendlich zu blockieren.
„Buchbaby“ (und andere Emotionalisierungen) sei schließlich nicht mehr als, Zitat, „ein bisschen Backstage-Gequatsche“, wogegen es keinen, Zitat, „langen Rant gegen alle[…]die schon mal das Wort „Buchbaby“ benutzt haben“ bräuchte. Welchen ich, nebenbei bemerkt, auch nicht vom Stapel gelassen habe. Dennoch: diese harmlose, niedliche Phrase ist es wohlmöglich doch wert, nochmal etwas genauer draufzuschauen. Selbstverständlich war meine im vorigen Absatz zitierte Begründung, diese besonders im Selfpublishing beliebte Vokabel mit wenig Wohlwollen zu betrachten, nicht eben differenziert und ausführlich vorgetragen. Einerseits der sozialmedialen Verknappung geschuldet, andererseits weil’s wirklich nicht mein Hauptpunkt war.
Ich stehe aber absolut zu dieser Begründung und will sie gern noch etwas vertiefen. Ein literarisches Werk als „Buchbaby“ zu bezeichnen kann nämlich, weit jenseits einer über-simplifizierenden Metapher, gleich auf mehreren Ebenen problematisch sein. Zum einen für Autorinnen und Autoren selbst. Es sorgt für die Auflösung der gesunden professionellen Distanz zum eigenen Werk, anti-sensibilisiert für die harten Realitäten des Buchmarktes, verstärkt eine (über)emotionale Bindung und Kritikunfähigkeit gegenüber dem eigenen Schaffen, begünstigt Blind Spots und Sturheit gegenüber den handwerklichen Schwächen von Stil, Plot, Story oder Charakteren und sorgt eventuell dafür, dass man sich diese auch nicht durch konstruktives Zusammenarbeiten ausbügeln lassen mag. Das Baby ist perfekt, so, wie es ist. Es ist als Vermächtnis der eigenen kreativ-schöpferischen Kraft unantastbar.
But … is it? Und darf jemand das benennen, wenn es nicht so ist? Womit wir zum anderen bei Leserinnen und Lesern sind. Kritisiert man wirklich aufrichtig und ehrlich jemandes „Buchbaby“? Oder ist man eher geneigt, über Holprigkeiten und Schwächen hinweg zu sehen, wenn jemand eine scheinbar dermaßen tief verwurzelte Verbindung und mangelnde Distanzabkopplung zu dem besitzt, was er/sie da geschrieben hat? Ist der Begriff also höchst manipulativ und sorgt, mit Kalkül eingesetzt, für präkognitive Vorurteile toxischer Positivität in der Rezeption? Und kann man so jemanden, von weiter außen betrachtet, dann literarisch überhaupt ernst nehmen? Oder ist das eines der Symptome der verhältnismäßigen (oft spekulativ vorgeworfenen, teils belegten) Unprofessionalität, einer falschen Romantisierung und belächelten „Herzblut“-Methodik des Selfpublishings? Well, you’ll never know. Aber ich glaube nicht, dass die Marketing-Bezeichnung „Buchbaby“ wahnsinnig hilfreich ist, dem Werk eines SPlers über die Herzchen-Emojis und Schulterklopferei der eigenen Bubble hinaus diese Gravitas zu verleihen, die Schriftstellerei mit sich bringen sollte.
Das Verlinken von kreativer Schöpfung und Elternschaft kann aber noch weiterreichende Implikationen mitbringen. Und hier trennt sich vielleicht etwas die Spreu vom empathischen Weizen: Fertilität und Geburten können isoliert betrachtet ein extrem traumatisches und ein langfristig traumatisierendes Ereignis sein. Die Schnittmenge des Buchprozesses von der Idee über das Schreiben bis zur Veröffentlichung und die Erfahrung einer tatsächlichen Schwangerschaft/Geburt (oder der Schmerz der Unfruchtbarkeit) ist im Ausmaß ihres Komplikationspotenzials verschwindend gering. Wenn überhaupt auch nur im Ansatz vorhanden. Eine Schreibblockade ist nicht vergleichbar mit der Ungewissheit einer beunruhigenden Ultraschalluntersuchung. Ein abgebrochenes Manuskript nicht mit einer Abtreibung. Eine Verlagsabsage nicht mit einer Fehlgeburt. Schlechte Verkaufszahlen und harsche Kritiken nicht mit postpartaler Depression. Und ein Bestseller auch nicht mit einem Wunderkind, for that matter.
Und ja, ich weiß, den meisten ist das absolut klar und soooo weit reichen die Ranken des Begriffs „Buchbaby“ möglicherweise gar nicht (oder halt doch). Kann auch sein, dass nicht unbedingt ein Mann darüber reden sollte. Nichtmal unbedingt einer, der knapp drei von neun Monaten mit der Aussicht konfrontiert war, eventuell Vater eines schwer behinderten und kaum lebensfähigen Kindes zu werden. Dessen erschrockene erste Worte nach der Geburt seines Sohnes aus Gründen „oh Gott, gehts ihm gut?“ lauteten. Kann aber sehr wohl sein, dass sich diese Erfahrungen in mein Unterbewusstsein geschlichen haben, als es darum ging, wie ich das mit dem „Buchbaby“ werte und warum es für mich persönlich niemals in Frage käme und mir nichtmal der Gedanke gekommen wäre, einer meiner Geschichten dieses Label aufzudrücken. Für mich funktioniert die Parallele einfach nicht.
Um es eindeutig zu sagen, und diese Betrachtung abzuschließen: ich will niemanden dafür verurteilen, schlechtreden oder ohne ausreichendes Evidenz-Backup am Werk rütteln, wenn das Wörtchen „Buchbaby“ im Marketing schonmal gefallen seien sollte. Dennoch sollten wir uns im Klaren sein, dass eben nicht jeder größerflächig genutzte, leicht dahin gesagte Begriff komplett unproblematisch und unbelastet ist. Das wäre naiv. Worte sind wichtig. Als Autorinnen und Autoren sollten wir das wissen, nutzen und beherzigen und mit uns abmachen, zu welcher Wortwahl wir stehen und warum. Zum Abschluss, damit hier nicht einzig mein Senf das Gericht zu würzen versucht, zwei weiterführende Artikel. Nämlich „The Unintended Consequences of the Phrase “Book Baby”“ von Barb Roose, sowie „In Case You Need Reminding, a Book is Not a Baby“ von Ayden LeRoux. Die schaffen weitere sehr schöne und erweiternde Perspektiven.




Das hast du hervorragend auf den Punkt gebracht. Und ich glaube, hättest du das auch auf Insta so ausführlich getan (wenn Insta nicht diese doofe Text-Begrenzung hätte), hätte der eine, der dich blockiert hat, es vielleicht auch verstanden. Aber manche sind leider generell schnell darin, andere Meinungen sofort zu verurteilen, von daher, hätte es so oder so immer auch jemand missverstehen können.
Ich habe schon den Eindruck, wie du ja selbst sagst, dass teilweise persönliche Erfahrungen bei dir mit reinspielen, was den Begriff „Buchbaby“ angeht. Erfahrungen spielen ja immer eine Rolle. Jedoch auch unabhängig davon, finde ich deine Argumente, die gegen den Begriff sprechen, sehr gut nachvollziehbar und nachdenkenswert.
Ich selbst habe noch keins meiner Bücher als Baby bezeichnet, obwohl ich emotional und sicher auch über emotional in Bezug zu meinen Werken stehe, weil ich generell extrem emotional bin … und die Inhalte mehr autobiografisch als fiktiv sind. *Räusper* 😅😏 Aber keine Sorge, ich zerfleische niemand, dem eins meiner Bücher nicht gefällt. 😋
Bei anderen bemerkte ich das mit dem Buchbaby und Buchgeburtstagen, habe aber nie über diese Begriffe sonderlich nachgegrübelt. Aber interessant ist das Thema.
Mich hat der Begriff halt wirklich von Anfang an extrem irritiert 😂 Drum war’s mir das auch wert, meine Möglichkeiten hier auf der Plattform zu nutzen und nochmal ein bisschen tiefer reinzugehen 😊