Die Story
28 Jahre, nachdem das hochansteckende „Rage-Virus“ aus einem Forschungslabor entweichen konnte, welches Menschen innerhalb kürzester Zeit in rasende, blutdurstige Berserker verwandelt, stehen Großbritannien und Irland unter vollständiger Quarantäne. Abgetrennt vom europäischen Kontinent haben sich Überlebende und nicht-infizierte Menschen in Siedlungen zusammen gerottet und versuchen den Gefahren in möglichst autarken Gesellschaften und Kommunen so gut es geht aus dem Weg zu gehen. Eine dieser Gemeinschaften hat sich auf der kleinen Gezeiteninsel Lindisfarne vor der nordostenglischen Küste gefunden. Hier wird der zwölfjährige Spike im Rahmen eines Initiationsritus (und einige Jahre früher als in der Gemeinde üblich) von seinem Vater Jamie auf eine Expedition mit aufs britische Festland genommen. Spike soll die Schönheit, aber auch die Unerbittlichkeit der alten Welt kennenlernen und seinen ersten Infizierten töten. In der Nacht entdeckt der Junge ein Feuer und erfährt nach der Rückkehr auf seine Heimatinsel von einem geheimnisvollen und als wahnsinnig verschrienen Arzt namens Dr. Ian Kelson. In ihm sieht Spike die einzige Hoffnung für seine Mutter, für deren Krankheit scheinbar niemand eine Erklärung oder Heilung kennt. Gegen die Vorschriften der Gemeinde unternehmen die beiden eine gefährliche Reise mit ungewissem Ausgang …
Die Kritik
Noch keine vollen achtundzwanzig, aber zum Zeitpunkt des Kinostarts im Juni 2025 immerhin doch schon wieder dreiundzwanzig Jahre ist es her, seit Danny Boyle und Alex Garland mit „28 Days Later“ das Zombie-Genre revolutionierten und revitalisierten. „Zombie“ in Anführungsstrichen, denn rein faktisch hatte man es im britischen Outbreak-Szenario des Films ja nicht mit den klassischen wiederauferstandenen Leichen, sondern mit Virusinfizierten zu tun. Aus schlurfenden und gehirnschlürfenden Untoten machten Boyle und Garland rasende Wutbürger; eine Verschärfung des Motivs, die heutzutage mehr oder weniger als der Standard für den postapokalyptischen Hordenbefall gilt (siehe zum Beispiel Zack Snyders „Dawn of the Dead“-Remake, „Train To Busan“, „World War Z“, „I Am Legend“ oder „The Last of Us“). Nach Juan Carlos Fresnadillos „28 Weeks Later“ (bei dem Boyle und Garland als ausführende Produzenten fungierten) kehrten die originalen kreativen Kräfte nun also mit „28 Years Later“ zurück. Aber gibt’s überhaupt noch etwas zu erzählen im Zombie-Overload der Post-„The Walking Dead“-Ära? Gelingt ein weiteres Mal ein ganzer Genre-Umbruch, oder ist „28 Years Later“ bloß eines dieser eher überflüssigen statt überfälligen Legacy Sequels?
Ohne langes Rätselraten: der Film ist ein Fast-Meisterwerk. Ein Werk von erschlagender, grässlicher Schönheit, das inmitten eines tobsüchtigen Nihilismus um die Sünden der Vergangenheit kreist und dennoch nach Zuversicht sucht, nach einer Zukunft, nach Menschlichkeit. Ein flashy und sackbrutaler Horror-Thriller auf der einen Ebene, ein graziles Coming of Age-Drama auf der anderen. Der junge Spike ist auf der Insel Lindisfarne Teil eines revisionistischen Rückbesinnungskults, in vielerlei Hinsicht zurückversetzt ins Mittelalter, isoliert in der Isoliertheit. Boyle und Garland schließen bewusst nicht an das Ende von „28 Weeks Later“ an, in dem das Rage-Virus Frankreich befällt. Achtundzwanzig Jahre später ist nicht ganz Europa oder gar die ganze Welt in Wut und Chaos und im großflächigen Krieg mit den Infizierten versunken, nein, der Autor und der Regisseur verhandeln spezifisch britische Traumata in ihrem Narrativ. Naheliegenderweise unter anderem den Brexit. Klar, die COVID-19-Pandemie. Fehlgeleitete Religiosität. Jimmy Savile. Wobei der eher für den Nachfolger „28 Years Later: The Bone Temple“ reserviert ist.
Der Film entwirft auf Lindisfarne ein isolationistisches Scheinidyll, das den Nachfahren nicht gestattet, über die eigenen und somit auch über die Verfehlungen ihrer Vorväter zu reflektieren. Geschweige denn, sie überhaupt nur als solche zuzugeben. Während der Film im späteren Verlauf dafür plädiert, dass gesellschaftliche Fehler als Teil unserer Geschichte zu bewahren versucht werden müssen, dass sich neue Wunder im Schatten der Gräuel des alten Scheiterns ereignen können, ist es Boyle und Garland offensichtlich ziemlich egal, ob sich Genre-Puristen oder Nitpicker-Kanäle wie CinemaSins an (vermeintlichen) Logiklücken und Ungereimtheiten hochziehen. „28 Years Later“ ist mehr ein Film der Themen, der Parabeln und Reflexionen, weniger einer, der seine Welt bloß der Sequel-Natur folgend in diverse Eskalationsstufen zwingt oder das selbe wie früher und was seitdem passiert ist wieder und nochmal runter zu rattern gedenkt. In der ersten Hälfte könnte man Boyles inszenatorische Flamboyanz ausblenden und hätte ihn, den recht gewöhnlichen Zombie-Thriller. Vater und Sohn allein gegen blutrünstige Horden. Doch statt die gesamte Story um dieses Duo zu spinnen entmystifiziert „28 Years Later“ dem Jungen sein männliches Role Model, und danach geht’s halt nicht mehr um einen bärtigen Kerlskerl, der mit routinierter Abgebrühtheit Headshots verteilt, sondern um einen Jungen und die Liebe zu seiner kranken Mutter. Und in einem grandiosen Schlussakt um die Unweigerlichkeit des Verlustes.
Das Töten und der Tod selbst werden während der Initiationstour der ersten Hälfte des Films vollkommen entmenschlicht. Mit den Infizierten, mit den Feinden wird nicht mehr das vereinende Gleiche, sondern nur noch die entseelte Unterscheidung gesucht. Die einen hat das Rage-Virus auf alle Viere zurück gedrückt, andere hingegen, die sogenannten Alphas, überragen in dieser neuen Hierarchie. Und hier zündet der volle Survival-Horror mit harten Gewalt-Spitzen und Blutfontänen, Grässlichkeiten gegen Mensch und Tier ohne Rücksicht auf empfindliche Mägen oder Rückgrate. Einigen Gore-Hounds jedoch war das wohl nicht genug. Da ist dann sowas zu lesen wie: der Alpha-Infizierte Samson töte immer auf die gleiche (nebenbei bemerkt bestialische) Weise und damit fehle dem Film die Abwechslung. Nun, guess what, „28 Years Later“ ist halt kein fucking low brow Fun Splatter-Vergnügen, in dem es um möglichst vielfältige und begröhlenswerte Tötungsorgien geht. Statt mehr Gedärm-Gefledder gehen die Protagonisten und die Macher auf die Suche nach dem Wert des Lebens an sich und des Individuums in einer Welt, die von Leichen übersät ist. In der Kindern der möglichst effiziente Abschuss beigebracht wird.
Das führt schließlich spätestens mit dem Auftauchen von Ralph Fiennes‘ jotgetränktem Dr. Ian Kelson zu einer beinahe spirituellen Erkenntnisreise über das Loslassen, über Akzeptanz, und auch über den Willen, zu eigenen Bedingungen zu gehen und sich nicht unter Schmerz und Gewalt aus der Welt reißen zu lassen. In diesem Fall nichtmal von rasenden Wilden, wohlgemerkt. Wenn zum Abschluss der zuvor schrille und nervenzerrende Soundtrack plötzlich leise Töne anstimmt und ein sonnendurchfluteter letzter Abschied genommen wird kann man das als triefenden Kitsch verschreien, der mit der Welt der „28…“-Reihe nicht vereinbar ist – ich allerdings fand es tief berührend. So viel Schönheit nicht nur in den Bildern, sondern auch in den Zwischentönen einer Geschichte zu finden, in der blanker gewalttätiger Nihilismus regiert und das Blut literweise in der Gegend rumsudelt, ist schon ein Meisterstück. Danny Boyles Virtuosität, dieser vibrierende Exzess und hämmernde Anschlag auf die Sinne reißt sowieso unweigerlich mit, der Mann ist halt einer der fähigsten Style over Substance but with Substance-Regisseure überhaupt. Mit dem jungen Alfie Williams, Jodie Comer und dem wie gewohnt magnetischen Fiennes kann sich „28 Years Later“ zudem auf ein tolles Darsteller-Trio stützen.
Wertung & Fazit
Überwiegt in der ersten Hälfte und ist weniger Fokus der zweiten. Stets mit brutaler Wucht inszeniert.
„28 Years Later“ ist kein Fingernägelabkauer, hält aber über die gesamten zwei Stunden seine Intensität.
Thematisch reicher, reflektierender Streifen, in dem die Menschlichkeit lauter nachhallt als das Gedärmgespritze.
Sicher kein Fun Horror, hat aber den ein oder anderen aufhellenden Moment.
Absolut überzeugender Cast, dem mühelos mehr abzuverlangen ist, als auf einen möglichst spektakulären Tod zu warten.
Danny Boyles Inszenierung ähnelt in ihrer Brachialität der schnaubenden, nicht zu bändigenden Wut der Infizierten.
Ein unerbittlich gewalttätiger und gleichzeitig wunderschöner Film voller feiner Nuancen. Ein intensiver Blick auf Trauma und Trauer, eingefangen in grausamen und prachtvollen Bildern.



