Die Story
Ihre Arbeitsleistung ist für Preston Strategic Solutions zwar von unschätzbarem Wert, dennoch könnte die eifrige Büroangestellte Linda Liddle kaum weniger Wertschätzung genießen. Ob die zweckmäßigen Outfits, die ungestylten Haare, ihre sozial unbeholfene und schrullige Art oder die Vorliebe für Thunfisch-Sandwiches: Linda erntet nichts als schiefe Blicke und spärlich verdeckte Abscheu von Kollegen und Vorgesetzten. Zu allem Überfluss wird sie bei einer in Aussicht gestellten Beförderung vom Nachwuchsspross ihres verstorbenen Ex-Bosses gnadenlos übergangen. Der herablassende Neu-CEO Bradley Preston hievt lieber einen seiner Best Buddys unverdientermaßen auf den Posten. Immerhin darf Linda die Alpha Male-Truppe der Firma noch auf einer Geschäftsreise begleiten, bevor sie endgültig abserviert werden soll. Doch der Flug endet fatal: der Privatjet legt eine Bruchlandung im Golf von Thailand hin, die einzig Linda und Preston überleben. Gestrandet auf einer verlassenen Insel mitten im Nirgendwo ist es nun an der Survival-begeisterten Untergebenen, die Machtverhältnisse zwischen sich und ihrem fiesen Boss umzukehren…
Die Kritik
Survival-Formate erfreuen sich ja seit inzwischen Jahrzehnten ausgesprochener Beliebtheit. Vom seit Ende der 1990er präsenten „Survivor“ über Bear Grylls bis Fritz Meineke, von „You vs. Wild“ bis „7 vs. Wild“, den Überlebenskampf anderer vom Sofa aus zu verfolgen ist ein internationaler Hit. Wie wild, ungezähmt und echt es dabei im Stresstest zwischen Mensch und Natur wirklich zugeht steht öfter mal in Frage, dennoch ist das längst nicht mehr bloß Nischen-Entertainment für Prepper und Esoteriker. Die Faszination für solche rückversetzten Urzustandsszenarien, in denen sich aufs Nötigste besonnen wird, um das eigene Existenzminimum zu sichern, ist ungebrochen und bringt schließlich auch nen gewissen (mal geschickt inszenierten, mal künstlich aufgebauschten) Thrill und viel Potenzial für wohlige vor-dem-Fernseher-Besserwisserei mit sich.
Auftritt Sam Raimis „Send Help“, alias „Comeuppance – The Movie“. Der unverkennbare „Tanz der Teufel“-Dirigent kreuzt gemeinsam mit dem Drehbuch-Duo Damian Shannon und Mark Swift Survival-Horror und Dark Comedy, was überwiegend so vergnüglich gerät wie’s klingt, die Prämisse jedoch auch nicht vollends ausreizt. Aber der Reihe nach. Der schwarzhumorige Ansatz des Films ist natürlich wenig subtil (I mean, die Protagonistin heißt LIDDLE!): geschniegelte Etepetete-Business Bros, die sich im Angesicht von Gefahr als (noch) selbstsüchtig(er)e Aasgeier und (über)lebenspraktisch untaugliche Jammereimer erweisen, und dem gegenüber eine unscheinbare Ökologisch-abbaubar-Anti-Amazone, die nach Feierabend gemeinsam mit ihrem Kanarienvogel Toastbrot knabbert. Das will gar nicht mit satirischem Feinschnitt präsentiert sein, sondern mit gehässiger, fingerzeigender Schadenfreude, wenn sich zwischen greasy Lumpen-Linda und ihrem Nepobaby-Boss die Dynamiken umkehren.
Nach dem mit Wucht und herrlicher Bösartigkeit präsentierten Flugzeugabsturz entwickelt „Send Help“ eine Heidenfreude daran, aus der grauen Büromaus eine versierte Survival-Taktikerin und aus dem arschigen Golfplatzbürschchen ein Opferlamm der eigenen Überheblichkeit zu machen. Rachel McAdams und Dylan O’Brien spielen klasse als gestrandete Gegensätze; die Facetten der Figuren sind im Rahmen ihrer Anlage und Entwicklung nicht unbedingt vielfältig, aber von beiden Darstellern auf Zwölf gedreht präsentiert, ohne dass die Charaktere in Karikaturen abrutschen würden. McAdams‘ psychotische Euphorie und Kompetenz, aus der Lage das Beste herauszuholen, und O’Briens vegetative Abscheu für seine Untergebene, die plötzlich das Handlungsheft in der Hand hält, in dem Preston nichtmal zu blättern versteht – eine schlichte und gleichsam goldene Prämisse.
Im blau-grünen Pazifik-Idyll legt Linda einen geradezu ätherischen Selbstwert-Glowup hin und pfeift sogar auf eine frühe Chance zur Rettung, um Situation und Machtgefälle noch weiter zu verschieben, noch länger auszukosten. Ergibt das Sinn? Nicht unbedingt. Bereitet es enormes Vergnügen? Auf jeden Fall! Selbstredend besonders deswegen, weil Raimis Regie-Kniffe in „Send Help“ weder fehlen, noch verpuffen. Der unausweichliche Bruce Campbell-Cameo, eine cartoonige Dolly Shot-Montage, Zoom Ins, krass-überzogene Gross Out-Momente, im richtigen Moment angezogene Spannungsschrauben und bei einem Kampf mit nem fiesen CGI-Keiler darf natürlich der „Evil Dead“-reminiszierende PoV Shot nicht fehlen. Typisch Raimi und der Pfiff dahinter in Kombination mit der im besten Sinne altmodischen Attitüde des Filmemachens heben „Send Help“ mindestens eine Stufe höher, als der Streifen in weniger fähigen Händen hätte erreichen können.
Trotzdem ist der Survival-Thriller nicht vollends rund gelungen. „Send Help“ schaltet im Mittelteil etwas zu lange in einen (selbstverständlich trügerischen) Verweil-Modus, nimmt ein, zwei Gänge zu viel raus, um anschließend nochmal SO hoch zu schalten, wie es der Film im finalen Viertel tut. Da rutscht alles etwas ins Ungleichgewicht, der Twist ist einerseits vorhersehbar und lässt andererseits in der Umsetzung an Punch und Finesse vermissen; das ein oder andere Mindgame hätte dem Finale eventuell besser gestanden als Messer in Bäuchen und Finger in Augenhöhlen. Was sich im Lauf der überlangen 115 Minuten hingegen geschickt auflöst ist die Einseitigkeit der Rollen- und Sympathieverteilung. Die Dynamik zwischen den Figuren sperrt sich nicht in plakativen female Empowerment-Motiven ein und opfert seine simpel-effektive Basis-Prämisse nicht für Social Commentary und das große Moralbotschaftengeschleuder. Wenn überhaupt, so fällt diese Betrachtung spätestens ganz am Ende ordentlich zynisch aus und lässt im Grunde niemanden als „Helden“ der Geschichte zurück.
Das Script verschenkt ein paar Chancen auf etwas mehr Ambiguität und streckenweise geht dem Duell zwischen Linda und Preston zu sehr der Biss verloren. Was die Charaktere an Tiefe gewinnen macht sich hintenraus nicht wirklich als Fallhöhe bemerkbar, weshalb „Send Help“ wahrscheinlich noch deutlich mehr Spaß hätte machen können, wären die Regler in verschlankten 90 Minuten permanent auf garstig-überhöhtem Anschlag gewesen. Zugute halten muss man Film und Machern, dass keine Romance rein zu forcieren versucht wird. Ein paar Andeutungen werden da und dort gesprenkelt, doch Lindas „I can fix him“-Allüren werden nicht romantisch motiviert, sondern deutlich perfider ausgespielt und gipfeln in einer inszenatorisch meisterhaften Schnipp-Schnapp-Sequenz. Solche Momente sind es, in denen Raimis Stil und „Send Help“ Hand in Hand mit großartigen Performances der beiden Leads gehen und der Film sein ganzes biestiges, groteskes Potenzial ausschöpft.
Wertung & Fazit
Straffe Absturz-Sequenz und einiges an überhöhtem und blutig-garstigem Gebalge zwischen Mensch(en) und Natur.
Könnte sicher mehr rausholen. Der Twist ist allerdings sehr vorhersehbar und so richtig fest angezogen werden die Schrauben nur in einzelnen Sequenzen.
Hat durchaus Botschaften an Bord, untergräbt diese aber auch teils geschickt, um dem Spektakel nicht die Überhöhung zu nehmen.
Einige Gross Out-Momente, in denen nicht nur das Blut sprudelt, und die generelle Überhöhung des Tons sorgen hier für die Punkte.
Rachel McAdams und Dylan O’Brien allein sind schon den Eintritt, bzw. das Anschmeißen des Streaming-Dienstes wert.
„Send Help“ ist sicher nicht Sam Raimis Opus Magnum, aber eine inszenatorisch nette Fingerübung, die ohne den Stempel der Regie-Ikone deutlich weniger Spaß machen würde.
Garstig-vergnüglicher Survival-Thriller, der in der Mitte etwas Biss und am Ende entweder etwas Finesse oder ne vollständige Eskalation vermissen lässt. Die effektive Prämisse wird aber von tollen Darstellern und Regie-Geschick jederzeit getragen.


